Compukratie – die Herrschaft der Maschinen


Durch die zunehmende digitale Technologisierung entsteht eine Art virtuelles Gebäude, das den Menschen und sein Denken und Handeln umschließt und aus dem er sich rational nicht befreien kann, da die Mauern erst durch die Rationalisierung entstanden sind. Ein derartiges Gebäude hat bereits Max Weber zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschrieben. In seinem 1922 postum veröffentlichen Werk „Wirtschaft und Gesellschaft“ schrieb er, dass sich wirkliche Herrschaft in der Art und Weise ausdrücke, wie eine bürokratische Verwaltung im Alltagsleben angewandt werde. Und diese Herrschaft würde unvermeidlich in den Händen des Beamtentums liegen. Max Weber erkannte, dass die Menschen bei einer fortschreitenden Rationalisierung, die als zivilisatorischer, erstrebenswerter Fortschritt bewertet würde, irgendwann in ein „Gehäuse der Hörigkeit“ eingesperrt würden, aus dem sie nicht mehr entkommen könnten.


Die Rationalisierung, die stark von Religionen angestoßen worden sei, bezeichnete Max Weber als eine „leblose Maschine“, die die Macht besitze, „die Menschen in ihren Dienst zu zwingen und den Alltag ihres Arbeitslebens so beherrschend zu bestimmen, wie es tatsächlich in der Fabrik der Fall ist“. Die Bürokratie (Herrschaft des Schreibtischs) sah Max Weber hingegen als eine „lebende Maschine“. Diese zeichne sich durch eine bürokratische Organisation mit entsprechender Spezialisierung von geschulten Facharbeitern aus, durch klare Abgrenzungen der Kompetenzen, durch Regelwerke in Form von vorgeschriebenen Handlungsabläufen und Gesetze, die etabliert und befolgt werden müssen, sowie hierarchisch abgestufte Gehorsamsverhältnisse.

Beide Maschinen zusammen formten das Gehäuse der Hörigkeit, in das sich die Menschen, wie „Fellachen im altägyptischen Staat, ohnmächtig zu fügen gezwungen sein werden, wenn ihnen eine rein technisch gute und das heißt: eine rationale Beamten-Verwaltung und -Versorgung der letzte und einzige Wert ist“.


In einer bürokratischen Herrschaft steht die rationale Entscheidungskompetenz im Mittelpunkt der Legitimation. Weil sich alle an die gleichen rational begründeten Spielregeln bzw. Gesetze halten müssen, führt diese Herrschaftsform weder zu einer Bevorzugung noch einer Benachteiligung des Einzelnen. Wiederholt auftretende Probleme werden nach einem vorgefertigten Schema gelöst.

Dies erweist sich als treffende Vorhersage über die modernen Gesellschaften, allerdings mit einer für Max Weber nicht vorhersehbaren Abweichung: Nicht mehr der Mensch wendet die Regeln und Schemata, also die Algorithmen an, sondern die Maschinen selbst. Die leblose Maschine der Rationalisierung und die lebenden Maschinen der Bürokratisierung sind verschmolzen zu der Maschine „Künstliche Intelligenz“. Aus der „Herrschaft des Schreibtischs“ wurde die „Herrschaft der Computer“ – Compukratie statt Bürokratie.

Keine Bevorzugung, keine Benachteiligung – vor der KI sind alle Menschen gleich, denn die Maschine trifft die Entscheidungen am besten, und das ohne Emotion, ohne Abweichung von den rationalen Vorgaben.


Das menschliche Leben und der Alltag werden mehr und mehr von KI und Computer bestimmt. Automatisierte software-gesteuerte Prozesse werden immer zentraler in Ökonomie und Gesellschaft, der Mensch immer abhängiger von emotionslosen, kalkulierenden Softwarealgorithmen, die am Ende bestimmen, ob man einen Kredit, eine Wohnung, eine Versicherung, eine Arztbehandlung oder einen Job erhält. Jeder Mitarbeiter in den Behörden oder in den Unternehmen kann sich auf die Maschine berufen und sich so von der Bürde der Entscheidung befreien, wenn er dem Bittsteller etwas verweigert: „Der Computer sagt Nein!“ Der Mensch ist vom Treffen einer Entscheidung entbunden und muss sich nicht rechtfertigen. Softwarealgorithmen, umgeben von Computergehäusen, sind die höchsten Werte der digitalen Moderne, und Softwareunternehmen, die den Menschen diese Regelwerke zur Verfügung stellen, werden wirtschaftlich hoch bewertet. Die größten Produzenten dieser Algorithmen – Apple, Amazon, Microsoft, Alphabet und Facebook – waren Mitte 2018 die fünf Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung der Welt. Jedes mit einer Bewertung von über 500 Milliarden Euro. Apple ist sogar das erste Unternehmen, das eine Marktkapitalisierung von mehr als einer Billion Dollar aufgewiesen hat. Max Webers prognostiziertes „Gehäuse der Hörigkeit“ wird heute in Silizium geätzt.


47 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Über diesen Blog

Google, Apple, Facebook und Co. sind nicht nur Teil unseres Alltags, viel mehr noch: es sind die Kirchen der digitalen Neuzeit und wir ihre Gläubigen. Errichtet sind die virtuellen Gotteshäuser auf dem Glauben an eine digitale Welt, der unserer überforderten Informationsgesellschaft Sinn und Hoffnung verleiht. 

Die Unternehmensgründer aus dem Silicon Valley sind in der neuen Religion die Propheten, Marken die modernen religiösen Symbole, User von Instagram die heiligen Ikonen und die Garagen in Palo Alto sind mythische Orten an denen Wunder geschahen.  Technologiekritik ist daher fehl am Platze, denn die Kirchenmauern sind aus dem Glauben an eine berechenbare, vorhersagbare und so letzten Endes kontrollierbare Welt erbaut. Entfliehen kann man dieser Ideologie daher auch nicht durch Ausschalten des Handys oder durch digitale Fastenzeiten, sondern nur durch die Aufklärung darüber, dass sich das Leben und unsere Realität einer „Digitalisierung“ entziehen.


 

© DCI Institute GmbH                                Impressum                                            Datenschutzerklärung