Der angebissene Apfel und das Kreuz von Facebook – Die neuen religiösen Symbole der digitalen Untern





Hat das Facebook-Logo etwas mit dem Kreuz des Christentums gemein, und symbolisiert der angebissene Apfel des Apple-Logos die Vertreibung aus dem Paradies? Unternehmen aus dem Silicon Valley verwenden gern symbolisch vorinterpretierte Logos, anders als dies traditionelle Unternehmen wie BMW, VW, Siemens oder Axel Springer taten und tun. Gerade für Unternehmen wie Facebook oder Google hat dies auch einen sinnhaften ökonomischen Hintergrund, denn die meisten Produkte und Leistungen dieser Anbieter sind immaterieller Natur. Daher spielen emotional aufladbare Markenlogos oder bereits aufgeladene Symbole eine ganz besonders wichtige Rolle. Kann man bei einem Auto oder bei einem Kleidungsstück seine Gefühle auf etwas Greifbares und haptisch Existentes projizieren, so ist dies bei einem Angebot von Facebook ebenso wenig möglich, wie auf Leistungen von Google oder Amazon. Vielleicht haben sich diese Unternehmenslenker bei der Suche nach Möglichkeiten, um in einer virtuellen Welt etwas gedanklich Greifbares zu schaffen, dort bedient, wo es ebenfalls darum geht, etwas nicht physisch Existentes symbolisch zu repräsentieren und so gedanklich greifbar zu machen: bei den großen Weltreligionen und deren Symbolik. Denn keine Religion kann ohne starke Symbolik funktionieren.

Symbole sind dabei definiert als Zeichen oder Gegenstände, die über sich selbst hinausweisen und für etwas anderes, mit den Sinnen nicht direkt Wahrnehmbares stehen. Die Rose oder das Herz symbolisieren die Liebe, das Zeichen für Yin und Yang symbolisiert die Vereinigung der weiblichen und männlichen Energie, und ein Kreis mit drei Strichen darin steht für Frieden.

Symbole haben immer eine höhere Bedeutung und werden durch die Betrachter metaphorisch interpretiert. Die Symbole lösen bei diesen dann bestimmte Gefühle aus, wie etwa Verehrung, Ehrfurcht oder Zugehörigkeit. In jeder Religion spielen Symbole und die Projektion der Gefühle der Gläubigen auf diese Symbole eine bedeutende Rolle. Ohne eine ausgeprägte Symbolik kann keine Religion funktionieren, weil die Gläubigen die abstrakten Begriffe, Ideen und auch die irrationalen Gefühle sonst auf nichts Konkretes projizieren könnten. Die religiösen Symbole stellen daher die Beziehung zwischen Gott und Mensch in einer visuellen Form dar.

So ist im christlichen Glauben die Taube das Symbol für den Heiligen Geist, das Brot steht für den Leib Jesu, und das Kreuz, Kernsymbol des Christentums, steht für die Erlösung von den Sünden und Leiden sowie für die Hoffnung auf die Auferstehung und das ewige Leben. Im buddhistischen Glaubenssystem symbolisiert die Lotusblüte die Reinheit des Geistes und ist auch das Symbol für die Welt, da die vier Blütenblätter den vier Himmelsrichtungen der Welt entsprechen.

Im jüdischen Glauben ist die Menora (ein siebenarmiger Leuchter) eines der wichtigsten religiösen Symbole und stellt die Erleuchtung der Menschen durch Gott dar.

Im Islam repräsentiert die Sichel des Neumondes die Religion in ihrer Gesamtheit, da der Mond im Islam eine wichtige Rolle bei der Strukturierung der Rituale übernimmt. Unter anderem zeigt der Mond den Beginn und das Ende der Fastenzeit Ramadan an, so wie auch der Anfang und das Ende des Pilgermonats Hadsch vom Mondverlauf bestimmt werden. Symbole spielen zwar auch in anderen gesellschaftlichen Kontexten eine bedeutende Rolle, aber gerade bei den besonders erfolgreichen Unternehmen der digitalen Welt scheinen Symbole unbewusst oder bewusst stark an religiöse Symbole angelehnt zu sein, vor allem um deren Vorinterpretation für die eigenen unternehmerischen Ziele nutzen zu können.

Apple hat sowohl den Namen als auch das Logo des Apfels gewählt, und der Apfel hat nun einmal in zahlreichen Mythologien und Religionen eine ganz besondere Bedeutung. Zum einen steht der angebissene Apfel in der christlichen Religion für die Vertreibung aus dem Paradies, allerdings hat er bekanntlich zuvor vom Baum der Erkenntnis gekostet. So passt dieses Symbol eigentlich perfekt zu der Dualität der digitalen Technologie: Sie ist wissenschaftlich fundiert und bringt damit dem Menschen Erkenntnis, zugleich verzaubert die digitale Technologie den Menschen wieder, weil er immer weniger versteht, wie die Softwarealgorithmen sein Leben wirklich beherrschen und steuern.

Zugleich spannt der fallende Apfel den Bogen zu genialen wissenschaftlichen Einfällen. So hat angeblich ein (fallender) Apfel Newton auf die Idee der Schwerkraft gebracht. Und auch in der griechischen Mythologie spielt der Apfel immer wieder eine zentrale Rolle. Paris, der Sohn des trojanischen Königs Priamos, schenkte der Liebesgöttin Aphrodite einen goldenen Apfel, der symbolisieren sollte, dass sie die schönste Göttin von allen sei. Herakles wiederum entreißt dem Drachen Ladon den Apfel, um eine der zwölf Arbeiten zu verrichten, die ihm der König Eurystheus auferlegt hat. Und selbst in volkstümlichen Märchen, wie etwa bei „Schneewittchen“, ist der Apfel zu finden: Schneewittchen beißt in einen vergifteten Apfel, der zu ihrem Tode führt, aus dem der Kuss des Prinzen sie wiedererweckt.

Das Logo bietet, gewollt oder ungewollt, eine extrem gute Projektionsfläche für symbolische Interpretationen und damit für emotionale Hinwendung zu dem Logo. So gut, dass bei Menschen, die von Apple begeistert sind und das Logo sehen, die gleichen Hirnareale aktiviert werden, wie bei gläubigen Menschen, die ein Symbol ihrer Glaubensgemeinschaft, z.B. das Kreuz, betrachten. Die Marke „Apple“ löst also bei ihren Anhängern tatsächlich religiöse Gefühle aus.

Auch Facebook hat ein Markensymbol kreiert, das stark christlich interpretiert werden kann, wenngleich es nicht ganz so offensichtlich ist wie bei Apple.

Facebook als Name hat natürlich nichts mit einer religiösen Symbolik zu tun, aber sieht man sich das Logo an, dann kann man schon deutliche Anleihen an zwei sehr bekannte christliche Symbole erkennen.

Facebook hat als Symbol für die Marke ein ganz schlichtes kleines f, das zunächst einmal wenig religiös oder christlich anmutet. Sieht man sich zwei Kreuzformen des Christentums näher an, dann kann eine deutliche Anlehnung des f von „Facebook“ an diese Kreuzformen erkennen, zum einen zu dem sogenannten Christusmonogramm, welches für die abgekürzte Bezeichnung des Namens „Christi“ nach dem griechischen Alphabet steht. Dabei steht das X (griech. „Chi“) für das CH, das P steht im Griechischen für das R, also zusammen entsteht daraus CHR, die ersten drei Buchstaben von Christus. In einer Variante davon wird das P mitten in ein gedrehtes und damit stehendes X hineingesetzt, so wird ein PX zu einer Kreuzform. Schneidet man etwas von dem P ab, dann kommt exakt das f von „Facebook“ heraus. Aber die Ähnlichkeit hört damit nicht auf, denn betrachtet man das Kreuz der russisch-orthodoxen christlichen Glaubensgemeinschaft, ist zu erkennen, dass dieses aus drei Querbalken besteht. Einer der Querbalken hat dabei abgeschrägte Kanten. Im Logo von Facebook erkennt man, dass der Querstrich beim f genauso geformt ist wie der dritte Querbalken des ursprünglichen Kreuzes. Das Logo von Facebook kann durchaus als eine Zusammensetzung aus beiden christlichen Kreuzvarianten betrachtet werden. Dies ist auch deswegen nicht von der Hand zu weisen, weil auch andere Möglichkeiten, wie z.B. die Stilisierung von F und B zu FB, sowie eine vollkommen andere Darstellung des Logos möglich gewesen wären. Aber durch die Nähe zu einer christlichen Symbolik ist das Facebook-Logo schon vorinterpretiert, und die Menschen können auf dieses neue Kreuz genauso ihre Verehrung, Hoffnungen und Wünsche richten, wie auf das Kreuz im Christentum.

Google als Name hat ebenfalls eine gewisse Nähe zu religiösen Symboliken. Googles Vision, alle Informationen der Welt zu sammeln und jedem zugänglich zu machen, drückt sich in der Abwandlung des Begriffs „googol“ aus. Dieser beschreibt dabei die Zahl „1 mit 100 Nullen“. Diese Zahl ist dabei deutlich größer als die Anzahl der Protonen im sichtbaren Universum. Zugleich repräsentieren in der digitalen Welt die Ziffern 1 und 0 Informationen in ihrer binären Form. Und Google als Unternehmen will all diese Informationen sammeln, zusammenfassen, aufbereiten und den Menschen wiederum zur Verfügung stellen. Die Unternehmensvision von Google beschreibt exakt die Funktion von Klöstern des Mittelalters. Es ging damals wie heute um eine ideologische Interpretation der Welt durch Sammeln und Aufbereitung von Informationen. Und auch die Umfirmierung von Google hin zu dem Unternehmensnamen „Alphabet“ kann man als eine Art Mischung aus informatischen und religiösen Konzepten ansehen. Zum einen basiert jede informatische Lösung und auch jede Software auf einem Alphabet. In der Informatik ist ein Alphabet als eine Menge voneinander unterscheidbarer Zeichen definiert, die gemessen und erfasst werden kann. Und weiter gefasst geht es dem Unternehmen „Alphabet“ darum, die ganze Welt und das Universum als ein Alphabet zu begreifen, das aus einer Menge von Zeichen besteht, die am Ende in Nullen und Einsen transferiert werden können. Und daher kann alles von Computern erfasst, gespeichert, berechnet und wiederum verbreitet und den Menschen zugänglich gemacht werden. Information ist das Letztelement von allem. In Information offenbart sich all unser Wissen und auch unser Sein, ganz so wie es auch in der Bibel steht: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ (1. Mose 1.1)

Ob gewollt oder nicht – das Assoziationspotential der Unternehmenslogos und Namen mit religiöser Ursprungsmythologie ist hoch und hilft, dass ähnliche Gefühle auch auf die Marken übertragen und so wiederum die Logos verehrt werden können. Apple, Google oder Facebook sind eben mehr als Labels auf Webseiten oder Produkte wie dem iPhone. Es sind heilige Symbole.



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Über diesen Blog

Google, Apple, Facebook und Co. sind nicht nur Teil unseres Alltags, viel mehr noch: es sind die Kirchen der digitalen Neuzeit und wir ihre Gläubigen. Errichtet sind die virtuellen Gotteshäuser auf dem Glauben an eine digitale Welt, der unserer überforderten Informationsgesellschaft Sinn und Hoffnung verleiht. 

Die Unternehmensgründer aus dem Silicon Valley sind in der neuen Religion die Propheten, Marken die modernen religiösen Symbole, User von Instagram die heiligen Ikonen und die Garagen in Palo Alto sind mythische Orten an denen Wunder geschahen.  Technologiekritik ist daher fehl am Platze, denn die Kirchenmauern sind aus dem Glauben an eine berechenbare, vorhersagbare und so letzten Endes kontrollierbare Welt erbaut. Entfliehen kann man dieser Ideologie daher auch nicht durch Ausschalten des Handys oder durch digitale Fastenzeiten, sondern nur durch die Aufklärung darüber, dass sich das Leben und unsere Realität einer „Digitalisierung“ entziehen.


 

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