Die göttliche Ökonomie


Definiert man den Begriff Gott, so kann man sagen, dass Gott unsichtbar, aber dennoch allgegenwärtig, allmächtig und allwissend ist. Anders gesagt: Gott ist „virtuell“, das heißt er ist in seiner Wirkung für Menschen existent, in seiner physischen Präsenz aber nicht greifbar.

Damit der Mensch an eine überirdische oder höhere Macht glauben kann, muss sich diese Macht den Menschen präsentieren. Und diese göttliche Macht zeigt sich in Wundern und in Katastrophen. Die Menschen können diese Wunder oder Katastrophen beobachten und erleben, aber nicht verstehen, wie und warum diese geschehen. Ein Erdbeben oder eine Überschwemmung sind daher dann Warnung oder Bestrafung durch Gott zu sehen. Die Wandlung von Wasser zu Wein oder die Öffnung des Meeres, damit Moses und das erwählte Volk entkommen können, sind die Wunder, die der unsichtbare Gott vollbringt. Ebenso kann man die göttliche Macht durch auserwählte Menschen auf Erden erkennen, die durch ihn ebenso Wunder vollbringen und auch die Botschaft eines Gottes zu den Menschen bringen. So wie zum Beispiel Moses, der die Israeliten aus Ägypten führte und die Gebote danach von Gott auf dem Berg Sinai empfing. All diese Geschehnisse beweisen die unmittelbare Einwirkung einer göttlichen Macht.


Besonders interessant ist dabei die etymologische (Herkunft der Wortbedeutung) Verbindung der Mythen über Wunder mit dem Begriff der Ökonomie. Denn in der Bibel (unter anderem bei Paulus in den ursprünglichen Texten des Epheserbriefes; Eph 1,10; Eph 3,2.9) ist mit dem Begriff „Oikonomia“ die Offenbarung des Plan Gottes mit den Menschen und der Welt gemeint. Und dieser Plan wird durch Gottes Wirken in Wundern und bedeutenden Ereignissen im Diesseits sichtbar. Durch die „Oikonomia“ (deutsch: „Ökonomie“, englisch „Economy“) zeigt sich Gott, kommuniziert seine Existenz und belegt seine Kraft, in das Leben der Menschen gestaltend eingreifen zu können.


Und genau das ist am Ende auch übertragbar auf das Konzept des Internets:

Auch das Internet ist eine höhere Macht, die gestaltend in unser Leben eingreift und Wunder vollbringt, als auch Katastrophen auslöst. Der Börsencrash von Softwarealgorithmen verursacht, der Softwarebug der ganze Unternehmen lahmlegt sind die neuen Unglücke des neuen Gottes „Internet“. Aber diese neue virtuelle Macht vollbringt auch Wunder.


So nehmen Medienunternehmen auch immer wieder gern Themen auf, die diese göttliche Kraft belegen. Das Nachrichtenmagazin „Focus“ schreibt, dass Menschen Jobs nicht bekommen, weil von ihnen Bilder von Partys im Netz gepostet wurden, die der Chef nach der Bewerbung findet. Andere verlieren ihre Jobs, weil sie sich im Internet negativ über das Unternehmen oder ihren Chef geäußert haben. Umgekehrt werden aber auch immer wieder News produziert, die belegen, dass durch das Internet Menschen belohnt werden. So schreibt das „Manager Magazin“: „Millionäre dank YouTube.“ Bei „bild.de“ ist zu lesen: „Multi-Millionärin dank Instagram.“ Und „ProSieben“ verkündet: „Berühmt und reich dank Instagram-Posts.“ Das Internet wird als eine ordnende und eingreifende und damit höhere Macht gesehen, durch die man für sein Handeln bestraft oder belohnt wird. Diese Macht ist zwar weder greifbar noch wahrnehmbar, aber sie zeigt sich durch ihre Wirkung auf uns Menschen und unserer Leben. Das eigene Schicksal liegt in der Hand des Internets, und die Wege der Algorithmen sind unergründlich, aber existent und spürbar.


Eine neue Oikonomia ist geboren, die heute nur „digitale Ökonomie“ genannt wird.


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Über diesen Blog

Google, Apple, Facebook und Co. sind nicht nur Teil unseres Alltags, viel mehr noch: es sind die Kirchen der digitalen Neuzeit und wir ihre Gläubigen. Errichtet sind die virtuellen Gotteshäuser auf dem Glauben an eine digitale Welt, der unserer überforderten Informationsgesellschaft Sinn und Hoffnung verleiht. 

Die Unternehmensgründer aus dem Silicon Valley sind in der neuen Religion die Propheten, Marken die modernen religiösen Symbole, User von Instagram die heiligen Ikonen und die Garagen in Palo Alto sind mythische Orten an denen Wunder geschahen.  Technologiekritik ist daher fehl am Platze, denn die Kirchenmauern sind aus dem Glauben an eine berechenbare, vorhersagbare und so letzten Endes kontrollierbare Welt erbaut. Entfliehen kann man dieser Ideologie daher auch nicht durch Ausschalten des Handys oder durch digitale Fastenzeiten, sondern nur durch die Aufklärung darüber, dass sich das Leben und unsere Realität einer „Digitalisierung“ entziehen.


 

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