Die Ritualisierung der Ökonomie - ritualisiertes Leben ist religiöses Leben

Rituale schaffen einen gemeinsamen Bedeutungsraum und bilden Verhaltensmuster aus, die auf die Gefühle der Menschen einwirken. Sie spielen dabei in allen Religionen eine entscheidende Rolle, um das Verhalten der Gläubigen auf allen Ebenen und in allen Lebenssituationen zu normieren und somit eine Gemeinschaft zu bilden, die auch außerhalb der gemeinsamen Orte, wie etwa Kirchen, existiert und sich im Handeln, Denken und Fühlen jedes Gläubigen äußert.


So wird durch Rituale ermöglicht, dass die Gläubigen koordiniert und autonom zugleich agieren und sich dabei als Kollektiv fühlen.


Religiöses Leben ist ritualisiertes Leben. Der Ramadan im Islam, Weihnachten oder Ostern in der christlichen Religion, das Opferfest oder Jom Kippur (Versöhnungsfest) im jüdischen Glauben sind ebenso wichtige und zentrale Rituale wie der Gottesdienst am Sonntag, das Freitagsgebet oder der Besuch der Synagoge am Vorabend des Sabbats. Aber die Ritualisierung hört da nicht auf. So sind ganz wesentliche Rituale, die für die Schaffung und Stabilisierung eines Glaubens hohe Bedeutung haben, die sogenannten Übergangs- oder Initiationsriten. Diese symbolisieren, dass eine Person Mitglied einer religiösen Gemeinschaft wird und dass diese dieselbe Werte und Normen und die gleiche Gottheit akzeptiert wie alle anderen auch. So sind die Taufe, die Kommunion oder die Konfirmation, die Eheschließung und am Ende des Lebens die Beerdigung Übergangsrituale, die besondere Momente im religiösen Leben darstellen. Diese zeigen, dass man sich der Gemeinschaft unterordnet und deren Regeln und Gebräuche akzeptiert und daher dazugehört.


Dieses System aus Riten schafft eine starke Kollektivität, denn die Gläubigen erkennen ihre gemeinsame Zugehörigkeit zu der gleichen Glaubensgemeinschaft an der Durchführung der identischen Rituale.


Moderenes Marketing setzt heute genau da an, denn zum einen "kapert" Ökonomie bestehende rituelle feste wie Ostern und Weihnachten und setzt die eigene Ideologie darüber. Aus einem religiösen Fest wird ein ökonomisches Fest. Der Ursprung und die Bedeutung von Weihnachten tritt zurück und es bleibt ein vollkommen ökonomisches sinnentleertes Ritual übrig, bei dem es nur noch um Kommerz geht.


Und weil das so gut funktioniert werden nun noch eigene rituelle Feste des Konsums kreiert, wie der Black Friday oder der Cybermonday. Denn diese symbolisieren, dass eine Person Mitglied einer religiösen Gemeinschaft wird und dass diese dieselbe Werte und Normen und die gleiche Gottheit akzeptiert wie alle anderen auch. Heute ist der Kommerz so gesehen der neue Gott der uns in den Einkaufsstrassen und den Onlineshops dieser Welt zusammen hält.


Wer konsumiert der gehört dazu und nur wer sich etwas leisten kann ist in der Glaubensgemeinschaft etwas wert. Die Moderen Ökonomie hat sich so schon längst in ein Glauenssystem transformiert mit dem Mantra: Konsum ist gut. Und die Rituale verfestigen dieses System. Der Austritt aus diesem System beginnt daher nicht mit Konsumverzicht per se, sondern mit der Loslösung seines Konsumverhaltens von den Ritualen.


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Über diesen Blog

Google, Apple, Facebook und Co. sind nicht nur Teil unseres Alltags, viel mehr noch: es sind die Kirchen der digitalen Neuzeit und wir ihre Gläubigen. Errichtet sind die virtuellen Gotteshäuser auf dem Glauben an eine digitale Welt, der unserer überforderten Informationsgesellschaft Sinn und Hoffnung verleiht. 

Die Unternehmensgründer aus dem Silicon Valley sind in der neuen Religion die Propheten, Marken die modernen religiösen Symbole, User von Instagram die heiligen Ikonen und die Garagen in Palo Alto sind mythische Orten an denen Wunder geschahen.  Technologiekritik ist daher fehl am Platze, denn die Kirchenmauern sind aus dem Glauben an eine berechenbare, vorhersagbare und so letzten Endes kontrollierbare Welt erbaut. Entfliehen kann man dieser Ideologie daher auch nicht durch Ausschalten des Handys oder durch digitale Fastenzeiten, sondern nur durch die Aufklärung darüber, dass sich das Leben und unsere Realität einer „Digitalisierung“ entziehen.


 

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