Die Digitalisierung der Welt


Fast immer wird Digitalisierung auf Informationstechnologie (IT) reduziert und damit auf die modernen Computer, die auf binären Rechenoperationen basieren, und deren Verknüpfung über IP-basierte Netze. Oftmals wird Digitalisierung sogar noch weiter reduziert und mit dem bekanntesten IP-basierten Netzwerk gleichgesetzt: dem Internet.

So steht in der „Digitalen Agenda“ der Bundesregierung: „Wir wollen durch die eigene Nutzung und Nachfrage moderner IT, durch zeitgemäße digitale Verwaltungsangebote und durch fortschrittliche IT-Sicherheit und Datenschutz Vorbild für die Digitalisierung in Deutschland sein.“ Die Bundesregierung definiert Digitalisierung implizit technologisch: Digitalisierung ist für sie IT!

Dieser Blick auf Digitalisierung ist viel zu eng. Es geht um die Digitalisierung der Welt, denn unser Denken hat sich über Jahrhunderte in ein digitales Weltbild transformiert, in das sich nun die Computer wunderbar einfügen. Digitalisierung ist das dominante Gedankengebäude, das sich in den letzten Jahrhunderten in Wissenschaft und Gesellschaft etabliert hat. Sie ist eine Ideologie, die exklusiv erklärt, wie die Welt, in der die Menschen leben, funktioniert. Die Ergebnisse der Digitalisierung müssen nun nur noch den Supercomputern zur Verarbeitung vorgesetzt werden, und diese wissen immer mehr mit den messbaren Informationen in Form von Nullen anzufangen. Die Menschen erleben gerade also lediglich eine beschleunigte technologische Realisierung der Digitalisierung. Aber was ist Digitalisierung, wenn nicht IT?



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Alles ist diskret


Ein zentraler Begriff der Digitalisierung ist der der Information. In einem mathematischen Sinn und somit als digitale „Information“ definiert wird alles, was gemessen werden kann. Dafür müssen abzählbare und eindeutig unterscheidbare Mengen vorhanden und bestimmbar sein, die zu einem eindeutigen Zeitpunkt gemessen, erfasst und verarbeitet werden können. Eine digitale Information ist also alles, was zeit- und wertdiskret erfasst werden kann. „Diskret“ bedeutet trenn- und unterscheidbar – so wie eine Null eindeutig von der Eins oder wahr von falsch trennbar ist – und ist das Gegenteil von „kontinuierlich“, was bedeutet, dass etwas nicht abzählbar ist und auf unendlichen Mengen basiert.

Wachstumsprozesse zum Beispiel nimmt man kontinuierlich wahr. Man kann nicht sehen, wie Bäume, Gräser, Menschen oder Tiere „unterscheidbar“ wachsen. Wenn aber die Körpergröße eines Menschen zu bestimmten Zeitpunkten gemessen und aufgeschrieben wird und dann die einzelnen Messpunkte in eine Matrix übertragen werden, die an der x-Achse die Zeit abbildet und an der y-Achse die Größe, wird eine diskrete Wachstumskurve sichtbar. Diese ist „digital“. Zu jedem Messzeitpunkt gibt es einen exakten Wert der Körpergröße.

Existieren ein Zeitsystem und ein Wertesystem für die Größe, so wie es das metrische System eines ist, in ziffernbasierter Form, ist die wesentliche Voraussetzung der digitalen Welt erfüllt.

Im Laufe der Jahrhunderte wurden diese Messsysteme immer exakter und genauer. Aus einer groben Tageseinteilung in morgens, mittags und abends wurde eine genaue Aufteilung in Stunden und dann in Minuten vorgenommen, und diese wurden wieder in Sekunden untergliedert usw. Aus groben Größen wie dem Tagesmarsch oder der Elle wurden exakt normierte Größeneinheiten wie der Meter, der wieder in Zentimeter und in Millimeter unterteilt wurde. Jedes Fleckchen Erde wurde inzwischen in exakte und unterscheidbare Werte eingeteilt – die Koordinaten. Werden diese in dezimaler Form angegeben, kann über beliebig viele Nachkommastellen die gewünschte Genauigkeit bei der Bestimmung eines Standortes erreicht werden. So steht das Brandenburger Tor genau auf dem 52.5162827. Breitengrad und dem 13.3777534. Längengrad.

Seit Jahrhunderten werden immer mehr Dinge des Lebens in diskrete Größen transformiert: Temperatur wird in Grad gemessen, Kleider- und Schuhgrößen werden in Ziffern dargestellt, und der Nährwert von Lebensmittel wird unter anderem in Kilokalorien angegeben.

Die Einteilung der Welt in diskrete Mengen ist eine entscheidende Voraussetzung für die Erfassung unserer Realität durch Computer, die ihre Berechnungen mit diskreten Mengen durchführen.


Von A–Z – die Alphabetisierung der Welt


Aus Google wurde Alphabet Inc., der Pfeil unter dem Logo von Amazon beginnt beim kleinen A und zeigt auf das Z, und Apple beginnt mit dem ersten Buchstaben des wichtigsten Konzeptes für die digitale Welt: dem Alphabet.

Ohne Alphabete gäbe es keine modernen Computer, denn um etwas wertdiskret darzustellen, bedarf es passender Zeichen. Ein Alphabet ist in der Informatik (der Verbindung der beiden Worte „Information“ und „Mathematik“) definiert als eine endliche Menge voneinander unterscheidbarer Symbole, auch Zeichen bzw. Buchstaben genannt. Das bekannteste Alphabet, das lateinische, umfasst eine diskrete Menge von 26 Zeichen, die eindeutig unterscheidbar sind, während das Ziffernsystem nur aus zehn Zeichen von Null bis Neun besteht. Aus dieser Menge können unendlich viele Kombinationen gebildet werden, die eindeutig voneinander differenzierbar sind. Eine andere Form von Alphabet ist das System aus Noten und Zeichen wie den Schlüsseln, den Pausenzeichen und den Taktangaben: Musik kann als eine Kombination aus dieser Menge an Zeichen notiert werden.

In der modernen Gesellschaft wird immer mehr alphabetisiert, damit alles eindeutig unterscheid-, erfass- und abzählbar wird. Sieht man sich seinen Personalausweis an, dann ist auch die Nummer des Ausweises aus einer Kombination von Buchstaben und Ziffern zusammengesetzt. Mithilfe der Nummer kann der Computer eine Person eindeutig identifizieren; würde man nur Namen verwenden, würde die digitale Computerwelt nicht funktionieren, weil Max Meier nicht von einem anderen Max Meier zu unterscheiden wäre. In Supermärkten sind alle Produkte mit Barcodes versehen, unter denen die im Barcode abgebildeten Nummern stehen – sonst kann die Scannerkasse die Information nicht verarbeiten. Am Ende des Kaufprozesses steckt man eine Karte mit einer Kreditkartennummer in den nächsten ziffernbasierten Computer. Dieser veranlasst, dass eine Geldsumme von einer IBAN-Nummer auf eine andere IBAN-Nummer transferiert wird. So vernetzen sich alle Alphabete und Systeme logisch miteinander.

Nur wenn alles alphabetisiert ist, können Computer überhaupt funktionieren und ein logisches Netzwerk bilden. Die Software rechnet mit den unterscheidbaren Zeichen und überführt diese in ein System aus Nullen und Einsen.


Linke Hand am linken Griff – die Algorithmisierung des Lebens


Jeden Tag müssen Aufgaben bewältigt und Entscheidungen getroffen werden, und dies tut man, indem man in vielen, wenn nicht sogar in den meisten Fällen vorbestimmte Lösungswege beschreitet: beim Kochen, wenn man sich anzieht, wenn man arbeitet oder Sport treibt.

In der digitalen Welt wird dies ebenso gemacht – nur etwas reglementierter. Hier wird in den diskreten und alphabetisierten Mengen nach möglichst allgemeingültigen Lösungen für definierte Aufgaben gesucht. Der Lösungsweg wird in der Informatik „Algorithmus“ genannt, was übersetzt eine „eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems“ bedeutet.

Das moderne Leben ist von Algorithmen bestimmt. Vieles ist heute uniformierter und gleichförmiger geworden als in den meisten Generationen und Kulturen zuvor, so gibt es in der menschlichen Sprache immer weniger Dialekte und regionale Sprachregeln, man verwendet immer häufiger die gleichen Marken, wenn man sich einkleidet, die gleichen Gerichte, wenn man kocht, und die gleichen Wege, wenn man zur Arbeit fährt.

Die Unterwerfung des Lebens unter Normen und Handlungsvorschriften hat für den Einzelnen den großen Vorteil, dass keine eigenen Problemlösungen gefunden werden müssen. Die bewussten kognitiven Leistungen des Gehirns sind anstrengend, und das menschliche Gehirn ist eher auf soziale Interaktion und Reproduktion ausgelegt[4]als auf die Lösung von komplexen Aufgabenstellungen.

Die einfache Erklärung auf der Rückseite eines Fertigprodukts, wie man das Essen in der Mikrowelle warm macht, ist ein typischer Algorithmus des Alltags. Fast-Food-Ketten wären ohne exakte Handlungsanweisungen, wie man einen Burger oder Pommes zubereitet, wirtschaftlich nicht existenzfähig. Mit Kochen hat das nichts zu tun, es werden lediglich fest vorgegebene Abläufe ausgeführt. Alles soll gleichförmig, berechenbar und damit auch im Ergebnis vorhersagbar sein – und zwar für Kunden wie für die Betreiber.

Im Vergleich mit der digitalen Welt liegt der einzige Unterschied darin, dass dort eine Software und nicht mehr der Mensch die Algorithmen ausführt. Eine typische Aufgabe der Software stellt bei Netflix die Suche nach dem geeigneten Film für einen User mit bestimmten Sehverhalten dar, bei Facebook besteht sie darin, die passenden Freunde vorzuschlagen und die den Nutzer interessierenden Inhalte auf der Timelineanzuzeigen. Ein Navigationssystem soll den schnellsten und kürzesten Weg unter allen möglichen Wegen zu einem Ziel auswählen, und bei Google geht es darum, die optimalen Suchergebnisse in Bezug auf einen konkreten Suchbegriff zu finden und dem Suchenden zu präsentieren.

Solche Algorithmen sind in einer eigenen Sprache geschrieben – in der Sprache der Mathematik. Der Algorithmus, auf dem die Suche von Google fußt und der nach einem der Gründer von Google, Larry Page, auch als PageRank bezeichnet wird, ist eine mathematische Formel:



Die Software, die die Webseiten durchsucht und die Ergebnisse auf der Suchergebnisseite von Google geordnet darstellt, basiert auf dieser Formel bzw. auf der abgebildeten mathematischen Funktion. Da diese Funktionen und Formeln formal richtig, also in der Sprache der Mathematik logisch und wahr sind, können sie automatisiert eingesetzt, überall verbreitet und skaliert werden. Der Mensch wird dazu nicht benötigt, denn der macht dies aus digitaler Weltsicht ohnehin viel schlechter.

Da man seinen Alltag mit Regeln und Ritualen durchzogen hat, ist es nicht verwunderlich, dass diese regelbasierten Abläufe nun von Hard- und Software übernommen werden. Wettervorhersage, Autonavigation, Partnersuche, Steuererklärung oder Rasterfahndung – die Welt wird immer mehr als ein zwar komplexes, aber regelbasiertes System angesehen. Die Menschen und die Gesellschaft haben sich algorithmisiert.

Die eigene Algorithmisierung des Lebens durch die digitalen Angebote der Unternehmen führt dazu, dass diese so immer besser das Verhalten der Menschen vorhersagen und ihren Alltag bestimmen können. Dabei geht es allerdings nicht um das Verhalten einzelner Personen, sondern um die Wahrscheinlichkeit, mit der sie bestimmte Handlungen vollziehen.


Alles ist wahrscheinlich, nichts ist sicher


Auf der Anmeldeseite von Parship steht in fetten Lettern: „Glück lässt sich nicht berechnen. Aber die Bedingungen dafür, dass es sich ereignet, verbessern wir […] deutlich – und damit Ihre Chancen, den passenden Partner zu finden.“

In dem Satz drückt sich ein wesentlicher Gedanke der digitalen Weltsicht aus: Prinzipiell ist alles berechenbar, allerdings nur in Wahrscheinlichkeiten formulierbar. Für den Einzelnen bleibt also immer die Unsicherheit bestehen, ob ihn das Glück trifft oder nicht.

Das Wahrscheinlichkeitsparadigma begünstigt die digitale Ideologie, denn wäre alles exakt zu berechnen, müssten immer die gleichen Ergebnisse herauskommen: aus 1 + 1 wird immer 2. Das religiöse System würde sich schnell auflösen, wenn die Menschen prüfen könnten, ob die Formeln von Google und Co. stimmen oder nicht. In der digitalen Welt geht es aber eben nicht um exakte Berechnungen mit genau vorhersagbaren Ergebnissen, sondern darum, Chancen oder Möglichkeiten (beides sind nur andere Wörter für „Wahrscheinlichkeit“) abzuleiten.

In einer Vielzahl von Wissenschaftsrichtungen, von der Physik über die Sozialwissenschaften bis zur Medizin, hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass hinter allen Ereignissen der Natur keine exakten und deterministisch berechenbaren Naturgesetze verborgen sind, sondern die Welt einen Zufallscharakter aufweist, der einer Wahrscheinlichkeitsverteilung gleicht.


Dem Leben der Menschen, ihrer Gesundheit, der Gesellschaft liegt angeblich eine Wahrscheinlichkeit zugrunde, die kalkulierbar und in Prozent ausdrückbar ist. Je besser die Realität gemessen werden könne, umso besser seien die Vorhersagen.

Ökonomen berechnen die Wahrscheinlichkeit eines Börsencrashs, Menschen erhalten Diagnosen in Form von Wahrscheinlichkeitsaussagen, und Schüler und Studenten glauben, dass sich ihre Chancen auf eine erfolgreiche Prüfung anhand der Durchfallquote der letzten Klausur berechnen ließe.

In der Stochastik lässt sich die Wahrscheinlichkeitsverteilung zwischen 0 und 1 einordnen, womit sie sehr gut zu der digitalen Technologie und den modernen Computern passt, die Informationen mit Nullen oder Einsen verarbeiten.

Und in jedem Bit[7]steckt ein „verschlüsselter“ Wahrscheinlichkeitswert, denn ein Bit umfasst immer die Ergebnismenge 1 und 0. Etwas kann nur entweder 0 oder 1 sein, beide gehören jedoch zusammen. Ein Bit entspricht daher einer Wahrscheinlichkeit von ½.


Übertragen auf einen Lichtschalter bedeutet dies: Der Schalter kann entweder „an“ oder „aus“ sein. „An“ entspräche dann der 1, „aus“ der 0. Wenn man raten soll, ob der Lichtschalter in einem Zimmer auf An oder Aus steht, liegt die Trefferwahrscheinlichkeit bei 50 %. Wenn es nun zwei Lichtschalter in diesem Zimmer gibt, existieren insgesamt vier mögliche Kombinationen oder Ergebnisse. Alle können „aus“ sein, dies würde man binär als „00“ darstellen, oder „an“, das wäre dann „11“. Steht jeweils nur ein Schalter auf An und der andere auf Aus, ergäbe dies „01“ und umgekehrt „10“. Vier mögliche Ergebnisse stellen also 2 Bit Information dar und drücken zugleich die Wahrscheinlichkeit ¼ aus. Wichtig dabei ist, dass Denken in Bit immer auch Denken und Rechnen mit Wahrscheinlichkeiten darstellt.


Bit und Wahrscheinlichkeit können in einer digitalen Weltsicht mit Entscheidungen verknüpft werden, denn dort werden Entscheidungen in diskrete, also in abzählbare Mengen überführt. Aufstehen oder liegen bleiben? Mathematisch ausgedrückt hat diese Entscheidung, die Menschen morgens treffen, 1 Bit Information. Hemd oder T-Shirt anziehen? 1 Bit Information. Blaues, rotes, grünes oder schwarzes T-Shirt auswählen? 2 Bit Information. Tee oder Kaffee? 1 Bit. Alles kann in Entscheidungsmengen unterteilt werden. Am Ende ist alles in Wahrscheinlichkeiten ausdrückbar und auf Bit reduzierbar. Und je besser und klarer man sein Leben strukturiert, umso berechenbarer wird es.

Konsequent zu Ende gedacht, wäre es also klug, solche Entscheidungen von einem Computer treffen zu lassen, denn mit Wahrscheinlichkeiten, also mit Nullen und Einsen, rechnen kann jeder Computer besser als der Mensch. Egal ob es darum geht, den nächsten Film auszuwählen, den man bei Netflix ansieht, oder darum, welche Reise man bei booking.com als Nächstes buchen soll – Computer berechnen die optimale Wahl. Computer und künstliche Intelligenz helfen dem begrenzt rationalen Menschen bei seiner „Rational Choice“.


„Digital“ bedeutet daher also auch, dass man glaubt, es wäre möglich, aus einer Menge von denkbaren Ergebnissen die optimale Wahl zu treffen. Der richtige Moment für den Hauskauf, der beste Job oder der passende Partner – alles ist quantifizierbar und in Wahrscheinlichkeiten ausdrückbar. Als optimal wird dabei die Entscheidung betrachtet, die die höchste Eintrittswahrscheinlichkeit in Bezug auf die messbaren Ergebniszustände aufweist.

Handelt der Mensch gegen das Gesetz der Ziffern und entscheidet sich gegen die rational richtige, also die statistisch wahrscheinlichste Lösung, hält die neue digitale bzw. ziffernbasierte Glaubenslehre dies für falsch und unklug und bezeichnet dies als „Bias“ oder „systematischen Entscheidungsfehler“.

Abweichendes, irrationales Verhalten ist zwar menschlich, führt aber zu schlechten Ergebnissen.


Kontrolle – bitte mach, dass es gut wird


Am Ende mündet alles in der Hoffnung der Menschen, dass eine durchrationalisierte und berechenbare und damit digitale Welt zur Kontrolle über das Leben beitragen wird. Die digitale Technologie soll die eigene Unsicherheit reduzieren und das Leben verlässlich gestalten.

Auch wenn immer mehr im Alltag nur noch auf Wahrscheinlichkeitsmodellen basiert und nicht auf tatsächlich gemessener Realität, verhält man sich entsprechend den Prognosen. So werden die Staus, die in Google Mapsoder auf den Navigationskarten in Autos angezeigt werden, aus Wahrscheinlichkeitsrechnungen abgeleitet und basieren nur zum Teil auf einer Messung der Situation am jeweiligen Ort. Die Messungen werden mit anderen Daten und Werten aus der Vergangenheit kombiniert und auf Basis komplexer mathematischer Verfahren verarbeitet. Das Ergebnis, das der Computer am häufigsten ausgibt, wird dann auf dem Display angezeigt.

Nach diesem Prinzip funktionieren auch Wettervorhersagen und sogar aktuelle Wetteranzeigen – es sind berechnete Wahrscheinlichkeiten. Aus aktuellen Messwerten des Wetterzustandes in der Atmosphäre zu einem bestimmten Zeitpunkt werden mittels stochastischer Verfahren Szenarien für Wetterzustände zu späteren Zeitpunkten berechnet. Dem User wird das wahrscheinlichste Szenario angezeigt, und alle anderen Optionen fallen unter den Tisch oder werden nur mit Prozentwerten angegeben. Zeigt eine Wetter-App das Sonnensymbol und darunter steht „40 % Regenwahrscheinlichkeit“, heißt das konkret, dass ein Computer in 60 % aller Berechnungen einen Sonnentag kalkuliert hat, in 40 % aller Berechnungen regnet es laut seiner Kalkulation. Die Qualität der Vorhersage hängt von den verwendeten mathematischen Formeln, den gemessenen Daten an bestimmten Messpunkten zu bestimmten Messzeiten und den stochastischen Ergebnissen dieser Berechnungen ab.

Dennoch glauben immer mehr Menschen, dass durch Wahrscheinlichkeitsberechnungen und die Auswahl des optimalen Ergebnisses das eigene Leben kontrollierbar wird. Wird Sonne vorhergesagt, nimmt man keinen Schirm mit, wird hingegen Regen vorhergesagt, dann eben schon.

„Kontrolle“ bedeutet in diesem Kontext immer auch, die Ergebnisse mit den Vorhersagen abzugleichen und die Systeme daraufhin anzupassen. Damit schließt sich der digitale Kreis, und ein Kreislauf von Messen, Berechnen, Vorhersagen, Kontrollieren und dann wieder von vorn entsteht. Die Welt ist zu einem kybernetischen System geworden. Es geht um die optimale und automatisierte Steuerung und Regelung von Maschinen, lebenden Organismen und sozialen Organisationen. Ziel ist es, Kontrolle über diese zu erhalten. Je mehr die Menschen messen und dann die Ist-Werte mit den vorher prognostizierten Soll-Wertenabgleichen, um anschließend die rational, also logisch und mathematisch, richtigen Schlüsse ziehen, umso besser soll das Leben werden. Der Mensch und die Gesellschaft befinden sich in einer sich selbst optimierenden und selbst kontrollierenden Dauerschleife – genau wie jeder Computer auch.



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Über diesen Blog

Google, Apple, Facebook und Co. sind nicht nur Teil unseres Alltags, viel mehr noch: es sind die Kirchen der digitalen Neuzeit und wir ihre Gläubigen. Errichtet sind die virtuellen Gotteshäuser auf dem Glauben an eine digitale Welt, der unserer überforderten Informationsgesellschaft Sinn und Hoffnung verleiht. 

Die Unternehmensgründer aus dem Silicon Valley sind in der neuen Religion die Propheten, Marken die modernen religiösen Symbole, User von Instagram die heiligen Ikonen und die Garagen in Palo Alto sind mythische Orten an denen Wunder geschahen.  Technologiekritik ist daher fehl am Platze, denn die Kirchenmauern sind aus dem Glauben an eine berechenbare, vorhersagbare und so letzten Endes kontrollierbare Welt erbaut. Entfliehen kann man dieser Ideologie daher auch nicht durch Ausschalten des Handys oder durch digitale Fastenzeiten, sondern nur durch die Aufklärung darüber, dass sich das Leben und unsere Realität einer „Digitalisierung“ entziehen.


 

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