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Glaubensgrundsätze und Verhaltensnormen sind ein zentrales Element religiöser Gemeinschaften. Gebote und Verbote legen die Grundsätze für das Handeln des Einzelnen fest und richten dieses auf das höhere gemeinsame Ziel aus. So leben buddhistische Mönche nach den zehn Sittenregeln oder Juden und Christen nach den zehn Geboten. Diese bilden die Basis für die Verhaltenskonformität der Gläubigen, und je mehr Menschen sich an sie halten, umso stärker wird die Verhaltenskonformität auch über Länder und Kulturkreise hinweg.


Google und Facebook haben jeweils ihre eigenen Glaubensgrundsätze aufgestellt und kommunizieren diese auch öffentlich. Es mag Zufall sein, dass es jeweils zehn sind.

Diese „zehn Gebote“ werden direkt aus den Visionen der Gründer abgeleitet, die damit gleichsam als Propheten fungieren.


Auf der Webseite von Facebook heißt es: „Unser Ziel beim Aufbau von Facebook ist es, die Welt offener und transparenter zu machen, denn wir glauben, so zu mehr Verständnis und engeren Verbindungen unter den Menschen beitragen zu können.“

Darunter stehen zehn Grundsätze und Gebote, die Facebook aufgestellt hat und an die sich das Unternehmen und die Mitarbeiter sowie natürlich die User von Facebook halten sollen. Als oberstes Gebot wird die „Freiheit des Teilens und Verbindens“ proklamiert: „Nutzer sollten die Freiheit besitzen, alle Informationen, die sie teilen möchten, in jedem Medium oder Format mit anderen teilen zu können und sich über das Internet mit jedem Menschen, jeder Organisation oder jedem Dienstanbieter verbinden zu können, solange beide diese Verbindung wünschen.“

Teilen ist ein fundamentales religiöses Prinzip, und die Aufnahme von Beziehungen zu Gleichgläubigen stellt eine wichtige Funktion von Religion dar. Facebook (Gott) greift dabei nicht ein, sondern organisiert und überwacht lediglich die Interaktion und die Beziehung der Menschen zueinander.


Das zehnte Gebot unterstreicht Facebooks Anspruch, über alle staatlichen und geografischen Grenzen hinweg für jeden auf der Welt verfügbar zu sein. Das Gebot heißt „Eine Welt“.


Facebook steht über allem und allen und erhebt den quasi religiösen Anspruch, alle Menschen zu vereinen. In den zehn Grundsätzen kommen dabei sämtliche Begriffe vor, die auch in klassischen Religionen zu finden sind: Gleichheit, Freiheit, soziale Werte, Gemeinnützigkeit – von Gewinnmaximierung, Shareholder Value oder Return on Invest ist nichts zu lesen.


Für seine Mitarbeiter hat Facebook sogar ein eigenes Büchlein, das „Little Red Book“ anfertigen lassen, in dem die Grundsätze und Leitlinien des Unternehmens in Form von Geboten dargelegt werden – eine Art Verhaltensbibel. Der Designer und ehemalige Mitarbeiter von Facebook, Ben Berry, hat die von ihm mitdesignte Broschüre nach seinem Ausscheiden aus dem Unternehmen veröffentlicht. 2012 wurde sie an alle Mitarbeiter in der Unternehmenszentrale verteilt.


In den internen Geboten wird auf die umgedrehte Kausalität des Geldverdienens verwiesen: Die Dienste, die Facebook entwickelt, dienen laut des „Little Red Book“ nicht dazu, Geld zu verdienen, sondern Geld wird verdient, um bessere Dienstleistungen anbieten zu können. Facebook sei nicht gegründet worden, um eine Firma zu sein, sondern um eine soziale Mission zu erfüllen, die darin bestehe, die Welt zu einem offeneren und besser vernetzten Ort werden zu lassen. Denn, so ist einige Seiten später zu lesen, wenn man die Art, wie Menschen kommunizieren, verändere, verändere man auch die Welt. Dazu müsse natürlich jeder Mitarbeiter einige Gebote befolgen. Eines davon ist eine Referenz an ein asketisches, mönchartiges Leben: „Große Bedeutsamkeit und Komfort passen nur sehr selten zusammen.“ Hinter den Text ist ein Bild gelegt, das einen Mitarbeiter von Facebook zeigt wie er – offensichtlich erschöpft von der Arbeit – in sehr unbequemer Haltung in seinem Büro zwischen Kisten und einem Sessel schläft. Es heißt: „The quick shell inherit the earth.“ Dies erinnert stark an einen Psalm aus dem Matthäus-Evangelium: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.“ Nach Meinung von Facebook ist es also besser, schnell zu sein als langsam, denn Langsamkeit führe nur dazu, dass unnötige Verschönerungen an einem Produkt oder Feature hinzugefügt würden. Langsamkeit ist Gotteslästerung, Effizienz fördert hingegen Gottes Wohlgefallen.


Die zehn Gebote von Google waren explizit mit „Woran wir glauben“ überschrieben. Und obwohl Google diese 10 Gebote von der Seite genommen hat, steht immer noch ein Gebot über allem: Google möchte „Die Informationen dieser Welt organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar machen.“ Google geht es darum, Produkte zu entwickeln, die das Leben aller Menschen verbessern, erst dann kommt das Geldverdienen.




Google und Facebook drehen also die Kausalität wirtschaftlichen Handelns um und führen es zurück zu der ursprünglichen Idee des Protestantismus: Es wird nicht mehr gearbeitet, um Geld zu verdienen, und Geld wird nicht als Notwendigkeit des Lebens betrachtet, sondern die Arbeit ist Berufung und der Job wird zum Beruf, um Besseres und Gottgefälliges zu erreichen.


Diese protestantische und calvinistische Leistungsethik prägte viele US-amerikanisch Unternehmer – auch oder gerade Steve Jobs. Obwohl dieser seit Jahren an Krebs litt und von der Krankheit bereits schwer gezeichnet war, hielt er noch im Frühjahr 2011 selbst die Keynote bei der Produktpräsentationsveranstaltung von Apple. Erst Ende August trat Steve Jobs als CEO der Firma zurück und starb kurz darauf am 5. Oktober 2011. Nur wenige Wochen hatte er ohne Beruf gelebt, dabei war er schon seit mehreren Jahrzehnten Milliardär. Bei seinem Tod verfügte er über ein Vermögen von rund acht Milliarden Dollar.


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Über diesen Blog

Google, Apple, Facebook und Co. sind nicht nur Teil unseres Alltags, viel mehr noch: es sind die Kirchen der digitalen Neuzeit und wir ihre Gläubigen. Errichtet sind die virtuellen Gotteshäuser auf dem Glauben an eine digitale Welt, der unserer überforderten Informationsgesellschaft Sinn und Hoffnung verleiht. 

Die Unternehmensgründer aus dem Silicon Valley sind in der neuen Religion die Propheten, Marken die modernen religiösen Symbole, User von Instagram die heiligen Ikonen und die Garagen in Palo Alto sind mythische Orten an denen Wunder geschahen.  Technologiekritik ist daher fehl am Platze, denn die Kirchenmauern sind aus dem Glauben an eine berechenbare, vorhersagbare und so letzten Endes kontrollierbare Welt erbaut. Entfliehen kann man dieser Ideologie daher auch nicht durch Ausschalten des Handys oder durch digitale Fastenzeiten, sondern nur durch die Aufklärung darüber, dass sich das Leben und unsere Realität einer „Digitalisierung“ entziehen.


 

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