Fake it till you make it – Künstlich ist das neue Real

Aktualisiert: 12. Mai 2019

Egel ob Kylie Jenner, Bella Hadid oder Kim Gloss - immer mehr Menschen streben nach künstlicher Vollkommenheit. Wir wollen dem virtuellen Gott Internet gefallen und wenn wir dem Ideal der künstlichen Welt entsprechen werden wir belohnt mit Likes und mit Followern und schließlich mit Erlös(ung) in der realen Welt.


Kim Gloss Fürher und heute (picture Alliance und KimglossOfficial Instagram)

Die Schönheitsideale, die einem in den Bildwelten auf den Plattformen von Facebook, Google und Co. präsentiert werden, haben immer weniger mit dem gemein, was die Menschen real erleben und täglich sehen. Gleichzeitig hat es auch immer weniger mit einer realen und tatsächlich möglichen Physis zu tun. Dies geht so weit, dass sich Menschen mit Schönheitsoperationen nach den digitalen Vorbildern „umbauen“ lassen wollen. Berühmte Persönlichkeiten lassen sich verkünstlichen – künstliche Haarteile, Implantate, Hautstraffungen, Fettabsaugungen, Po-Vergrößerungen –, nur um die Biologie zu überwinden. Es geht darum, dem eigentlich nicht möglichen künstlichen Ideal nahezukommen.


So gab die in Deutschland bei Teenagern sehr bekannte und beliebte Influencerin Shirin David, die gerade mal 23 Jahre alt ist, in einem Video in ihrem YouTube-Channel stolz preis, dass sie schon 75.000 EUR in Schönheits-OPs investiert habe. Das Künstliche ist heute das neue Reale, und das Künstliche und Virtuelle ist erstrebenswert. Real ist nicht länger akzeptabel.


Da wird es heute schon als bewundernswert empfunden, wenn sich prominente User und Influencer in den sozialen Medien gelegentlich „unbearbeitet“ zeigen. So schrieb die Gala über eine Influencerin, diese wolle mit einigen unbearbeiteten Bildern zeigen, dass sie „ein ganz normaler Mensch“ sei. Nach Angaben der Zeitschrift habe sie dadurch innerhalb weniger Tage 26.000 Abonnenten zusätzlich gewonnen. Auch andere Medien greifen immer wieder dieses Thema auf und bezeichnen Blogger und Influencer als „mutig“, wenn diese unbearbeitete Bilder veröffentlichen. So schrieb die Hamburger Morgenpost über eine Bloggerin: „Sie versteckt sich und ihren Körper nicht und steht auch zu kleinen Dellen und Makeln.“ Das eigentlich Normale wird als außergewöhnlich, mutig und bewundernswert dargestellt. Dabei wird vollkommen ignoriert, dass ja genau diese Personen zeigen, wie sehr es sich lohnt, sich zu verkünstlichen.


So investiert Shirin David, die behauptet, dass sie privat immer ungeschminkt und natürlich aus dem Haus gehe, für ihre Videos und Fotos jeweils circa anderthalb Stunden in Haare und Make-up. Künstlich verbessert die Chance auf Anerkennung und Erfolg. Und das Magazin Stern gibt Tipps, wie man sich in der digitalen Welt schöner machen kann: „Die Tricks beim Selfie-Posen. Enttarnt: Vorher-nachher in einer Minute“.


Dank der Softwareanwendungen wird es immer einfacher, sich seinen Körper und sein Aussehen so zurechtzubauen, wie man es gerade als schön und attraktiv empfindet. Schmalere Hüften, größere Augen, längere Beine oder faltenfreie Haut sind heute mit wenigen Fingerbewegungen auf dem Display unseren Smartphones zu bekommen.


Aber diese Handlungspraxis ist auch religiös fundiert, denn in Religionen geht es immer auch um eine Entweltlichung. Traditionelle Religionen und die digitale Religion haben etwas gemeinsam, eine Entweltlichung.

In Religionen stehen die Ansprüche und die materiellen und sachlichen Notwendigkeiten der diesseitigen Welt in Konkurrenz zu den religiösen Ansprüchen und Botschaften, die auf das Jesnseits bezogen sind. Religion ist zwar im Diesseits verankert, muss sich aber dennoch von der menschlichen Umgebung unterscheiden und muss daher immer auf Distanz zu ihrer weltlichen Umgebung gehen. Papst Benedikt XVI. sagte hierzu, dass Sie sich sie „entweltlichen“ muss.[1] Der Mensch soll sich dem Jenseits hinwenden und sich dem ideal der jenseitigen Welt anpassen.


Und diese Hinwendung zur jenseitigen Welt - "dem Internet" - ist durch die Gnade des virtuellen Gottes abgesegnet, den man mit Erfolg auch ehrt. Fake it till you make it, dann ist alles möglich – die Welt, wie sie sein soll, mit wenigen Klicks.


Daher wollen immer meh menschen perfekt sein für die ideale digitale Welt und werden immer mehr zum Androiden - wie Konrad Zuse es schon trefflich anmerkte: Der Mensch wird eher ein Computer als der Computer ein Mensch


Dies ist ein Auszug aus dem Buch "Google Unser"







[1]http://www.faz.net/aktuell/politik/papstbesuch/papst-benedikt-xvi-die-entweltlichung-der-kirche-11370087.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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Google, Apple, Facebook und Co. sind nicht nur Teil unseres Alltags, viel mehr noch: es sind die Kirchen der digitalen Neuzeit und wir ihre Gläubigen. Errichtet sind die virtuellen Gotteshäuser auf dem Glauben an eine digitale Welt, der unserer überforderten Informationsgesellschaft Sinn und Hoffnung verleiht. 

Die Unternehmensgründer aus dem Silicon Valley sind in der neuen Religion die Propheten, Marken die modernen religiösen Symbole, User von Instagram die heiligen Ikonen und die Garagen in Palo Alto sind mythische Orten an denen Wunder geschahen.  Technologiekritik ist daher fehl am Platze, denn die Kirchenmauern sind aus dem Glauben an eine berechenbare, vorhersagbare und so letzten Endes kontrollierbare Welt erbaut. Entfliehen kann man dieser Ideologie daher auch nicht durch Ausschalten des Handys oder durch digitale Fastenzeiten, sondern nur durch die Aufklärung darüber, dass sich das Leben und unsere Realität einer „Digitalisierung“ entziehen.


 

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