#foodporn – das neue Tischgebet und die digitale Ritualisierung des Alltags

Haben Sie schon einmal Menschen in Restaurants beobachtet, die warten, bis alle Gerichte auf dem Tisch stehen, mit ihrem Handy ein Foto davon machen und dieses anschließend auf Instagram oder Facebook posten, versehen mit Hashtags wie #foodporn oder #foodgasm? Gibt es einen Unterschied zwischen dem Ritual des Tischgebets von dem des Postens von Mahlzeiten auf Instagram, und was unterscheidet die Verwendung von vorgegebenen Formulierungen wie „Vater, segne diese Speise“ von der Nutzung bekannter Hashtags wie eben #foodgasm?


Sowohl gläubige Menschen, die alles stehen und liegen lassen, um zu einer bestimmten Zeit zu beten, als auch Menschen, die alles um sich herum vergessen, nur weil sie etwas bei Twitter und Instagram veröffentlichen wollen, wenden sich von der Welt des Diesseits ab und einer virtuellen, nicht greifbaren, aber für diese Menschen doch existenten Macht in einer anderen Sphäre zu. Das traditionelle Tischgebet ist an einen Gott in einer anderen Welt gerichtet, das Foto wird in die Cloud hochgeladen und ist für die virtuelle Gemeinschaft im Internet gedacht, der damit gleichsam gehuldigt wird. In dieser Hinsicht besteht kein Unterschied. Die Facebook-Wall[1]wird zu einer Art virtuellen Klagemauer, bei der der Gläubige, statt kleiner Zettel mit Segenswünschen in die Ritzen von Mauersteinen zu stecken, digitale Posts an eine virtuelle Wand heftet.

Gebete und Gebetszeiten, der Rosenkranz, die Gebetsmühle, die Tefillin oder die Ausrichtung nach Mekka – in Religionen gehören bestimmte Rituale und Gegenstände oder Techniken zusammen und kollektivieren und normieren mehr oder weniger subtil das Verhalten der Gläubigen.


Auch die neuen Gläubigen ritualisieren durch die permanente Nutzung der Anwendungen von Google, Apple, Facebook oder Amazon ihren Alltag. Die digitalen Tools („Werkzeuge“), die einem helfen sollen, den Alltag zu strukturieren und zu gestalten, werden ihnen von den Unternehmen zur Verfügung gestellt, ohne dass diese einen Verhaltenskodex explizit vorgeben müssen – das machen die Menschen schon selbst. So nutzt man morgens das Smartphone, um die Mails zu checken, Instagram versorgt einen mit den neuesten Informationen aus dem eigenen Freundeskreis, Google weist einem den richtigen Weg und gibt die richtigen Antworten auf die gestellten Fragen, und wenn man kein WhatsApp nutzt, fordert einen der Freundeskreis auf, es doch endlich zu installieren, damit man in Kontakt bleiben und die gemeinsamen Erlebnisse teilen kann. Und am Abend heftet man ein letztes Gebet an die Facebook- oder Twitter-Wall. Ohne diese Tools gehört man nicht dazu, gehört nicht zu der heiligen digitalen Gemeinschaft.


Die Tools beginnen, die Menschen Stück für Stück zu ritualisieren und in die gewünschten Verhaltensweisen der Gemeinschaft einzuführen. Dies schafft Kollektivität.

Gleichzeitig führt die ritualisierte Verwendung der Tools zu einer Normierung des Nutzungsverhaltens, was wiederum die Voraussagen von Unternehmen wie Google, Apple, Facebook und Amazon über das Verhalten der Nutzer verbessert. Apple weiß, wohin man fahren will, wenn man ins Auto steigt und den Motor anlässt, Google, was man eigentlich meint, wenn man sich vertippt, Amazon, welche Produkte man kaufen will, und Facebook weiß, wen man noch kennen könnte.


Google, Facebook, Amazon und Apple wissen also offensichtlich etwas über einen, bevor man es selbst weiß, und können scheinbar die Zukunft vorhersagen. Da der Anwender immer weniger versteht, wie genau das funktioniert, erscheint ihm diese Vorausberechnung auf der Basis von Handlungen, Hoffnungen und Wünschen, die er artig der virtuellen Kraft des Internets mitgeteilt und offenbart hat, schon fast göttlich.

Der eigene Alltag erscheint nun nicht mehr willkürlich, unsicher und chaotisch, sondern vorhersagbar und kalkulierbar. Damit wird dem Gläubigen ein starkes Sicherheitsgefühl vermittelt. Gleichzeitig entstehen durch die Ritualisierung des Alltags der Gläubigen eine Verhaltenskonformität und eine stabile verlässliche (berechenbare) Gemeinschaft. Ein gemeinsamer Bedeutungsraum wird ausgebildet, und die Verhaltensmuster wirken auf die Gefühle der Menschen ein. Die Menschen werden kontrollier- und vorhersagbar: Wer Google nutzt und wem Google die Wege richtig vorhersagt, der nutzt kein Bing; wem Siri die richtigen Antworten gibt, der wendet sich nicht an Alexa; und wer seine Freunde bei Facebook hat, der verwendet kein Google Plus. Und auf jeden Fall löscht keiner seinen Account, weil er dann raus ist. Denn nur solange der Nutzer die Angebote der heiligen digitalen Gemeinschaft anwendet, weiß er, dass er nichts zu befürchten hat. Es ist also nicht so schlimm, wenn diese Unternehmen persönliche Daten erhalten und verwenden, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Solange es Facebook gibt, existiert die Welt in gewohnter Form; solange Google weiß, was der User will, gibt es eine Vorbestimmtheit seines Lebens, und er weiß: Alles wird gut. Die Welt hat einen vorherbestimmten Sinn und eine Struktur, die zwar vorhanden, aber für den Einzelnen nicht erkennbar ist.


[1]Bei Facebook stellt die Wall (also „Mauer“) den Bereich des Angebots dar, wo die eigenen Postings und auch die der Freunde dargestellt und gesehen werden können.

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Über diesen Blog

Google, Apple, Facebook und Co. sind nicht nur Teil unseres Alltags, viel mehr noch: es sind die Kirchen der digitalen Neuzeit und wir ihre Gläubigen. Errichtet sind die virtuellen Gotteshäuser auf dem Glauben an eine digitale Welt, der unserer überforderten Informationsgesellschaft Sinn und Hoffnung verleiht. 

Die Unternehmensgründer aus dem Silicon Valley sind in der neuen Religion die Propheten, Marken die modernen religiösen Symbole, User von Instagram die heiligen Ikonen und die Garagen in Palo Alto sind mythische Orten an denen Wunder geschahen.  Technologiekritik ist daher fehl am Platze, denn die Kirchenmauern sind aus dem Glauben an eine berechenbare, vorhersagbare und so letzten Endes kontrollierbare Welt erbaut. Entfliehen kann man dieser Ideologie daher auch nicht durch Ausschalten des Handys oder durch digitale Fastenzeiten, sondern nur durch die Aufklärung darüber, dass sich das Leben und unsere Realität einer „Digitalisierung“ entziehen.


 

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