Influencer – die Ikonen der Neuzeit

Mit weit geöffneten Augen, einem erhabenen, aber ausdruckslosen Blick und kleinem, bewusst zusammengezogenen Mund wendet sich die Frau auf dem Bild dem Betrachter zu. Auf einem anderen Bild blickt ein Mann den Betrachter gerade und fast grimmig an, seine rechte Hand hat er leicht erhoben und zu einer segnenden Geste geformt. Diese wenigen Sätze beschreiben zwei der bekanntesten Ikonenbilder des Mittelalters, zum einen die „Jungfrau der Zärtlichkeit“ und zum anderen „Christus Pantokrator“. Sie unterscheiden sich nicht wesentlich von den Darstellungen auf den Selfies auf Instagram und haben teilweise sogar die gleiche Funktion, nur dass die User auf Instagram gar nicht wissen, welche religiöse Funktion sie damit für Facebook, Google und Co. übernehmen.


Christus Pantokrator - das Motiv wird immer wieder gleich gemalt

Eine Ikone ist eine Darstellung einer heiligen oder religiös verehrten Person in Bildern, die eine ganz eigene und schnell wiedererkennbare Farb- und Formensprache aufweisen. Ikonen sollen das Göttliche sichtbar werden lassen und sind damit ein ganz zentraler Aspekt in der christlich-orthodoxen Glaubenslehre. Ikonen werden auch als das „geschriebene Wort Gottes in Bildform“ bezeichnet. Sie wollen eine Botschaft vermitteln und ein „Fenster zum Himmel“ sein durch welches der Betrachter die Gegenwart Gottes erfährt. Ganz typisch für die Ikonenmalerei ist bzw. war die „exzentrische“ Darstellung der abgebildeten Personen auf einem goldenen Untergrund oder innerhalb einer goldenen Umrahmung. Mit dem Gold wurde das Licht Gottes symbolisiert.


Dabei hatte die klassische Ikonenmalerei einen fest umrissenen Motivraum: Die Darstellungsformen, die Mimik, die Hand- und Körperhaltungen sowie die Farbgebung waren implizit vorgegeben. Wenn neue Ikonen hergestellt wurden, wurden diese nach den Vorgaben des Kanons angefertigt.


Dieser war nicht schriftlich festgelegt, sondern entstand dadurch, dass sich die Maler an vorhandenen Ikonen orientierten und diese als Malvorlage verwendeten. Die meisten Ikonen haben Maria, die Gottesmutter, oder Jesus Christus zum Motiv verwendet. Deren Darstellung ist bis heute visuell prägend, weil diese beiden „Gesichter“ über Jahrhunderte immer wieder nach den gleichen Vorgaben gemalt wurden. So ist zum Beispiel das Motiv, das viele gläubige Menschen besonders vor Weihnachten vor Augen haben: die „Jungfrau der Zärtlichkeit“.


Auf diesem Werk neigt sich Maria zärtlich ihrem Kind Jesus zu, das sich eng an die Wange der Mutter schmiegt, wobei die Gesichter ohne jegliche Emotion dargestellt sind, die Augen der Gottesmutter fast leer wirken.


Analysiert man die Bildwelten der sogenannten Influencer, also Nutzer der Social-Media-Angebote wie Instagram, Facebook oder YouTube, die besonders viele Follower haben und denen man Einfluss auf die Kaufentscheidungen oder auch Auswirkungen auf die Verhaltensweisen ihrer Follower nachsagt, können diese auch als neuzeitliche Ikonen der Selbstdarstellung interpretiert werden. Sie sind abgebildetes Objekt (Ikone) und Maler ihrer selbst in einem. Dabei werden genau wie bei der Ikonenmalerei standardisierte Posen und Motive eingenommen. So stellen die Gesichtsausdrücke „Duckface“ oder „Fishgape“innerhalb bestimmter Zeitfenster wiederkehrende, standardisierte Gesichtsausdrücke dar, die anderen als Vorlage dienen und millionenfach nachgeahmt und gepostet werden. Ebenso wie in der Ikonenmalerei entstehen diese Motive nicht durch fest vorgegebene Regelwerke, sondern durch Übernahme der verwendeten Motive von anderen Influencern.



Influencer halten sich auch an ein Bildkanon - sie verwenden immer wieder die gleichen Haltungen

Aber nicht nur die Pose ist wichtig, auch bestimmte Perspektiven sind entscheidend, um sich selbst zu ikonisieren. Die wohl bekannteste davon ist die sogenannte Selfie-Perspektive. Dies ist ein Selbstporträt, das oft aus Armeslänge mit der eigenen Hand aufgenommen wird, Bildanschnitt und Körperhaltung werden peinlich genau in Szene gesetzt.


Nur die richtige Perspektive, die korrekten Posen und die passende Mimik versprechen Erfolg auf Instagram oder Facebook. Diese Gesten, Haltungen und Perspektiven stellen somit einen modernen digitalen Kanon der Ikonenfotografie dar. Aus dem goldenen Hintergrund der Ikonen wurde der virtuelle Raum. Da Gott genauso virtuell ist wie das eigene Bild in den sozialen Medien, wird das Internet selbst zum göttlichen Background, der die Ikone erst zu etwas Heiligem transformiert.



79 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Über diesen Blog

Google, Apple, Facebook und Co. sind nicht nur Teil unseres Alltags, viel mehr noch: es sind die Kirchen der digitalen Neuzeit und wir ihre Gläubigen. Errichtet sind die virtuellen Gotteshäuser auf dem Glauben an eine digitale Welt, der unserer überforderten Informationsgesellschaft Sinn und Hoffnung verleiht. 

Die Unternehmensgründer aus dem Silicon Valley sind in der neuen Religion die Propheten, Marken die modernen religiösen Symbole, User von Instagram die heiligen Ikonen und die Garagen in Palo Alto sind mythische Orten an denen Wunder geschahen.  Technologiekritik ist daher fehl am Platze, denn die Kirchenmauern sind aus dem Glauben an eine berechenbare, vorhersagbare und so letzten Endes kontrollierbare Welt erbaut. Entfliehen kann man dieser Ideologie daher auch nicht durch Ausschalten des Handys oder durch digitale Fastenzeiten, sondern nur durch die Aufklärung darüber, dass sich das Leben und unsere Realität einer „Digitalisierung“ entziehen.


 

© DCI Institute GmbH                                Impressum                                            Datenschutzerklärung