Internet der neue Gott


Das durchrationalisierte bisherige "offline" Wirtschaftssystem ist einer theoretisch überprüfbaren und rationalen Welt verhaftet. Deshalb kann und wird es wenig bis keine Lösungsangebote für die Sinnfragen des Lebens über das Diesseits hinaus anbieten können. Das Internet hingegen schafft ein neues Jenseits, und so wird mit der Digitalisierung die unvollendete „Ökonomie“ und deren diesseitiges Erlösstreben zu einer vollendeten Religion: Aus Erlös wird endlich wieder Erlösung.


Am Ende ist in der digitalen Welt alles nur 0 oder 1. Alles tritt stets paarweise (also binär) auf. Die Eins hängt mit der Null zusammen, so wie Himmel und Hölle in den Religionen zusammenhängen.

Religionen können ebenfalls als binäre Systeme angesehen werden: Es gibt das Diesseits und das Jenseits, es gibt die Erlösung oder die Verdammnis, und selbst der Mensch ist zweigeteilt, in die unvergängliche Seele und in den vergänglichen Körper. Und Letzterer muss zurückgelassen werden in der Diesseitigkeit. Damit der Mensch diese Zweiteilung versteht, wird in Religionen auch auf Erden die Welt untergliedert in eine sakrale Sphäre und eine profane, alltägliche Welt. Dabei soll das Leben des Menschen auf die sakrale und jenseitige statt auf die alltägliche Welt und die materiellen Dinge gerichtet werden.


Die digitale Welt im Allgemeinen und das Internet im Speziellen stellen eine jenseitige Welt dar, die dem Menschen selbst unzugänglich bleibt. Die digitale Technologie liegt außerhalb des Wahrnehmungsbereiches eines Menschen, vergleichbar mit dem Jenseits in den traditionellen Religionen. Man kann nicht „in das Internet gehen“, und man erkennen auch nicht, wie ein digitales Gerät funktioniert, wenn man es „aufschraubt“ und es sich ansieht. Beides liegt vollkommen außerhalb der menschlichen Sinneswahrnehmung und alles muss in Gedanken nachvollzogen werden.

Hierin besteht der wesentliche Unterschied zu den meisten bisherigen Technologien: Schraubt man eine mechanische Waage auf, dann kann man die Mechanik sehen und nachvollziehen, wie dieses Gerät funktioniert; öffnet man hingegen eine digitale Waage, sieht man zwar die verbauten Teile, aber deren Funktion bleibt dem Menschen mit seinen fünf Sinnen verschlossen.

Die digitale Technologie liegt außerhalb unserer Sinneswahrnehmungen, sie ist transzendent. Und sie schafft zugleich im metaphorischen Sinn ein echtes Himmelreich, die „Cloud“.


Wie in den traditionellen Religionen gibt es auch in der digitalen Welt eine echte Gottheit: das Internet.

Gott ist unsichtbar, aber dennoch allgegenwärtig, allmächtig und allwissend. Anders gesagt: Gott ist „virtuell“, also in seiner Wirkung für Menschen zwar existent, in seiner physischen Präsenz aber nicht greifbar. Gott wird dabei als ordnende Hand verstanden, die dem, was man im Hier und Jetzt nicht versteht, einen Sinn im Jenseits gibt. Alles, was man tut, und alles, was mit einem geschieht, hat einen Zweck und wird in der anderen Welt sinnvoll aufgelöst. Man selbst kann es nicht erkennen, aber Gott hat einen Plan.

Exakt diese Eigenschaften schreiben viele Menschen auch dem Internet zu: Das Netz ist eine virtuelle Macht, die omnipräsent ist, ohne dabei wirklich greifbar zu sein.

Das Internet ist ein vollkommen abstraktes System: Es riecht nicht, es kann nicht ertastet werden, man kann es nicht schmecken und man kann es weder sehen noch hören. Dennoch scheint das Internet zu existieren, selbst dann, wenn man es nicht nutzt, wenn man selbst nicht aktiv ist. Und das Internet ist nicht nur existent, sondern auch allwissend, es vergisst nichts. So hat diese virtuelle Kraft Auswirkungen auf das reale menschliche Leben, im Positiven wie im Negativen.

Medienunternehmen greifen immer wieder gern Themen auf, die diese göttliche Kraft des Internets belegen. Das Magazin Chip schreibt, dass Menschen wegen ihrer Facebook Posts Jobs verlieren und auch „Die Welt“ warnt, dass ein falsches Foto bei Facebook den Job kosten kann oder die Karriere ruiniert. Doch nicht nur über dieses „strafende“ Internet wird berichtet, es werden auch immer wieder News produziert, die belegen, wie Menschen durch das Internet Menschen belohnt werden. So schreibt das Manager Magazin: „Millionäre dank YouTube“, bei bild.de ist zu lesen: „Multi-Millionärin dank Instagram“, und ProSieben verkündet: „Berühmt und reich dank Instagram-Posts.“

Das Internet wird so als ordnende und eingreifende und damit als höhere Macht dargestellt, durch die man für sein Handeln bestraft oder belohnt wird. Das eigene Schicksal liegt also gleichsam in der Hand des Internets, und die Wege der Algorithmen Gottes sind unergründlich, aber existent und spürbar. Nichts bleibt mehr geheim und verborgen: Das Internet sieht alles. Dadurch wird ein kollektives Gewissen geschaffen, das über dem Einzelnen steht und die Macht hat, über den Menschen zu entscheiden. Das Internet wird so zu einem postmodernen Gott, der die menschlichen Geschicke lenkt und steuert. Aus „Dein Wille geschehe“ wird heute „Dein Algorithmus geschehe“.


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Über diesen Blog

Google, Apple, Facebook und Co. sind nicht nur Teil unseres Alltags, viel mehr noch: es sind die Kirchen der digitalen Neuzeit und wir ihre Gläubigen. Errichtet sind die virtuellen Gotteshäuser auf dem Glauben an eine digitale Welt, der unserer überforderten Informationsgesellschaft Sinn und Hoffnung verleiht. 

Die Unternehmensgründer aus dem Silicon Valley sind in der neuen Religion die Propheten, Marken die modernen religiösen Symbole, User von Instagram die heiligen Ikonen und die Garagen in Palo Alto sind mythische Orten an denen Wunder geschahen.  Technologiekritik ist daher fehl am Platze, denn die Kirchenmauern sind aus dem Glauben an eine berechenbare, vorhersagbare und so letzten Endes kontrollierbare Welt erbaut. Entfliehen kann man dieser Ideologie daher auch nicht durch Ausschalten des Handys oder durch digitale Fastenzeiten, sondern nur durch die Aufklärung darüber, dass sich das Leben und unsere Realität einer „Digitalisierung“ entziehen.


 

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