#motivation – die neue digitale Askese

Pamela Reif ist jung, hübsch und vor allem durchtrainiert und daher ein Vorbild für mehrere Millionen Follower auf Instagram. Ein Foto, das sie auf ihrem Account gepostet hat, zeigt sie sitzend auf einem Barhocker an einer Hotelbar auf Mykonos, nur in einem Bikini bekleidet und mit deutlich erkennbaren Bauchmuskeln. Neben dem Bild steht: „I’m so proud to have my abs back when sitting 😂😂😂abs are a lot about posing, lighting & flexing but to actually have abs while sitting is something I didn’t have for the last 1 year 😛😂was extremely motivated the last months, consistent as hell, hit the gym about 5 times a week, didn’t eat any processed sugars, cut & tracked my calories in order to lose that extra fat … and tadaaaa: abs are back …“[1]


Über 150.000Likes gab es für das Foto und ihren Kommentar, dass sie auf Zucker verzichtet, Kalorien gezählt und reduziert sowie sich jede Woche fünf Mal im Fitnessstudio gequält hat, damit man nun ihre Bauchmuskeln auch im Sitzen sehen kann. Solche kleinen Geschichten präsentiert Pamela ihren Fans regelmäßig. Diese berichten von den Entbehrungen, die einen Superbody formen und ein erfülltes glückliches Leben ermöglichen. Der Weg dahin basiert auf harter Arbeit und Verzicht. Und wofür? Für das perfekte Bild in der digitalen Welt, das belohnt wird durch Likes, Klicks und Erlös(ung). Ein religiöser Gedanke, ein religiöses Leben? Oder doch nur Oberflächlichkeit und Selbstdarstellung?


Sieht man sich die Accounts von Pamela Reif und anderer Instagram-User an, wird die semantische und pragmatische Ähnlichkeit zur religiösen Askese deutlich. Die modernen Formen der Selbstkasteiung sind in vielen Facetten in den sozialen Netzwerken zu finden. Junge Frauen und Männer hungern sich zum idealen Körper, um auf den Posts gut auszusehen. Sie zeigen sich mit gestählten Muskeln, posten Bilder, wie sie sich im Studio oder bei sonstigen Sportarten quälen und wie sie vor kleinen, aber gesunden Essensportionen sitzen. Dabei geht es nicht nur um die Selbstdarstellung, sondern auch darum, den Prototypen eines idealen Lebensentwurfs zu präsentieren und die Botschaft von einem richtigen Leben zu kommunizieren und zu visualisieren. Dieses Ideal drückt sich in einem widerstandsfähigen, fitten und gestählten Körper und Geist aus, erreicht durch Disziplin, Strebsamkeit und Enthaltsamkeit.


Die User machen sich bereit, von Instagram, YouTube und Co. auserwählt zu werden. Sie transformieren sich zu Ikonen, zu spirituellen Führer(inne)n, die belohnt werden mit Followern, Likes und Shares und dank gesponserter Partnerschaften in ihrem irdischen Dasein „Erlös“ erhalten.


Die asketische Lebensweise ist quasi religiös auf die jenseitige digitale Welt und auf den dieser Welt innewohnenden Gott „Internet“ ausgerichtet. Dieser wird gnädig gestimmt, indem man der heiligen Gemeinschaft gefällt. Auf Instagram, Facebook, Twitter und Snapchat wird die frohe Botschaft verkündet, dass eine Hinwendung zum digitalen Gott durch Entbehrungen und Disziplin und eine Fokussierung auf das digitale Jenseits belohnt wird.


Damit sind Angebote wie Instagram, Facebook oder auch YouTube und Snapchat für die Influencer und solche, die es werden wollen, durchaus mit modernen virtuellen Sekten zu vergleichen. Die Manipulation des Denkens und Handelns ist schon bewusst in diesen Plattformen angelegt. Die digitalen Tools der neuen digitalen Glaubensgemeinschaften des Silicon Valley, also Facebook und Co., zielen bewusst auf die Schwäche der menschlichen Psyche ab, um die Menschen fest an ihre Plattformen zu binden.


Sean Parker, der Entwickler der Musik-Tauschbörse Napster und ehemaliger Präsident von Facebook, sagte während einer Veranstaltung der US-Nachrichtenwebsite Axios über die Plattformen wie Facebook und Instagram, dass diese bewusst soentwickelt seien, dass es ein starkes Belohnungs- und Bestrafungssystem gebe, durch das Dopamin-Kicks ausgelöst werden solle.[2]Die Belohnung ist dabei vor allem sozialer Art, etwa in Form von Likes und Kommentaren anderer User. Das motiviert die Influencer, die Angebote aktiver zu nutzen und mehr Inhalte und Reaktionen zu produzieren. So entsteht ein Kreislauf der sozialen Bestätigung, der die Menschen immer fester an die digitale Community bindet. Dies geht so weit, dass das eigene Leben und die eigene körperliche Unversehrtheit aufs Spiel gesetzt werden, um ein aufmerksamkeitsstarkes Selfie posten zu können. Statt von „Selfie“ wird hier schon von „Killfie“ gesprochen, also von Bildern, bei dessen Aufnahme der Abgebildete ums Leben gekommen ist. Für ein gutes Selfie wird sogar das eigene Leben „geopfert“.

Obwohl sich die Entwickler von Facebook und Instagram also bewusst waren, dass es zu einer Art sozialer und digitaler Abhängigkeit kommen wird, haben sie „es trotzdem getan“, so Parker weiter.

Die Kündigung der Mitgliedschaft kommt – wie der Ausstieg aus einer religiösen Sekte – einem schweren Vergehen gegen Gott gleich und wird mit totaler Löschung der Daten, Bilder, Posts und damit der virtuellen Identität in der Gemeinschaft bestraft. Solange man aber Mitglied bleibt, wird die Selbstbestimmung, das Recht auf Privatheit und die Hoheit über die Daten, abgegeben. Wenn neue Verordnungen und Gesetze erlassen und die Geschäftsbedingungen der Plattformen geändert werden, werden die User gezwungen, diese entweder anzunehmen oder die heilige Gemeinschaft zu verlassen.

[1]Einzusehen unter: https://www.instagram.com/p/BipcDVLB74z/?taken-by=pamela_rf(aufgerufen am 12.11.2018).


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Über diesen Blog

Google, Apple, Facebook und Co. sind nicht nur Teil unseres Alltags, viel mehr noch: es sind die Kirchen der digitalen Neuzeit und wir ihre Gläubigen. Errichtet sind die virtuellen Gotteshäuser auf dem Glauben an eine digitale Welt, der unserer überforderten Informationsgesellschaft Sinn und Hoffnung verleiht. 

Die Unternehmensgründer aus dem Silicon Valley sind in der neuen Religion die Propheten, Marken die modernen religiösen Symbole, User von Instagram die heiligen Ikonen und die Garagen in Palo Alto sind mythische Orten an denen Wunder geschahen.  Technologiekritik ist daher fehl am Platze, denn die Kirchenmauern sind aus dem Glauben an eine berechenbare, vorhersagbare und so letzten Endes kontrollierbare Welt erbaut. Entfliehen kann man dieser Ideologie daher auch nicht durch Ausschalten des Handys oder durch digitale Fastenzeiten, sondern nur durch die Aufklärung darüber, dass sich das Leben und unsere Realität einer „Digitalisierung“ entziehen.


 

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