Nach dem Essen sollst Du ruhn ... – Rituale bei Facebook & Co

Unternehmen wie Google, Facebook und Co. haben strenge Rituale eingeführt, die innerhalb der Organisation kollektivierend und normgebend wirken sollen. Dadurch wird eine starke verhaltenskonforme Unternehmenskultur geschaffen, und aus Organisationen, bestehend aus Mitarbeitern, wird eine Glaubensgemeinschaft. Dadurch verstärkt sich der Konformitätszwang innerhalb der Gemeinschaft. Eine besondere Rolle nehmen dabei die Initiations- und Übergangsriten ein, die eine starke Identifikation mit der Gruppe ermöglichen, weshalb solche Initiations- und Übergangsrituale gerade bei Facebook, Google und Co. zu finden sind.

Ein Übergangsritual bei Facebook ist das sogenannte Faceversary. So wird der erste Arbeitstag eines Mitarbeiters von Facebook bezeichnet, der dann jedes Jahr gefeiert wird. Dabei werden dem Mitarbeiter blaue Luftballons an den Arbeitsplatz gebunden und der Tag wird mit einem Glückwunsch-Post auf Facebook bedacht. Die CEO Sheryl Sandberg postet ihren Faceversary regelmäßig auf Facebook, ebenso wie dies natürlich die Mitarbeiter tun. Am ersten Arbeitstag bekommen alle Mitarbeiter auch ein blaues Facebook-Shirt geschenkt, das der Mitarbeiter am ersten Tag tragen muss, als sichtbares Zeichen dafür, dass er ein neues Mitglied der Gemeinschaft ist.


Nach dem ersten Arbeitstag durchlaufen Entwickler bei Facebook ein sechswöchiges „Bootcamp“, das am Ende auch mit einem „Abschluss“ bestanden werden muss. Denn nur einige Auserwählte sollen dann auch wirklich den Einlass in das neue Arbeitsparadies finden. Erst dann dürfen die Mitarbeiter zu ihren eigentlichen Teams und Abteilungen hinzustoßen. Auch dies stellt eine Form eines Initiationsrituals dar.

Um Facebook als Gemeinschaft zusammenzuhalten, gibt es jährlich im Frühling einen sogenannten Game Day. An diesem Tag treten Facebook-Teams in zahlreichen Spielen gegeneinander an.


Freitags gibt es am Nachmittag eine Fragerunde mit Mark Zuckerberg, bei der alle Mitarbeiter Fragen an ihn stellen können. Manchmal holt er langjährige Mitarbeiter auf die Bühne, damit diese ihre schönsten Momente bei Facebook mit den Zuhörern teilen können. Vergleicht man diese Ritualisierungen und die starke rituelle Strukturierung des Arbeitslebens bei Facebook mit den Riten und Abläufen von Klöstern, erkennt man starke Parallelen der Konzepte. Anscheinend hat Mark Zuckerberg die Reise in das indische Klosterleben tatsächlich die Augen dafür geöffnet, wie aus einfachen Mitarbeitern strenggläubige Anhänger werden können.


Wen wundert es, dass Google das Unternehmen ebenso komplett durchritualisiert hat. Neue Mitarbeiter bei Google werden „Noogler“ genannt, was auch ein ganz typisches Initiationsritual darstellt. Dabei erhalten sie eine Mütze in Unternehmensfarben mit einem oben angebrachten Propeller. Diese Mütze müssen sie bei ihrer ersten Teilnahme in dem wöchentlich stattfindenden TGIF (Thank God It`s Friday) Meeting tragen. Und daher signalisiert die Mütze von Google: Aus einem Nicht-Google Mitarbeiter wird in den nächsten Tagen ein neuer Kollege, ein Neugoogler oder eben ein „Noogler“. Der Prozess der Geburt ist am Ende der ersten Woche abgeschlossen.



Während die Wochen mit dem TGIF Meeting enden, starten diese dann auch direkt mit dem All-Hands Meeting am Montag. Hierbei werden alle Mitarbeiter von einem der CEO über die neuesten Entwicklungen von Google informiert und die Mitarbeiter können Fragen an das Management stellen. Worin unterscheidet sich dies von den gemeinsamen Morgen- und Abendgebeten in einem Kloster, und was ist der große Unterschied zwischen den Fürbitten am Ende eines Gottesdienstes und den Fragerunden an das Management? Die Antwort ist einfach: Es gibt keinen Unterschied, denn es ist eine Übernahme der Konzepte und der Zielsetzungen der Klöster des Mittelalters.


Google und Facebook haben durch die Ritualisierung des Arbeitsalltags andere Ordnungsprinzipien etabliert, als dies in den traditionellen Firmen der Fall ist. Dadurch entsteht einer Art neue Arbeitszeit und ein neuer Arbeitsrhythmus. In den Klöstern des Mittelalters durchbrachen die Mönche den traditionellen Tagesrhythmus und führten eine strenge Ritualisierung ein, zum Beispiel durch die permanente Wiederholung von Gottesdiensten und Gebeten, von festen Schlafens- und Wachzeiten, von Arbeit und Ruhezeiten. So lebten sie in einer gemeinsamen Zeit, die den bisherigen weltlichen Rhythmus durchbrach. Damit wurde damals versucht, die Ewigkeit des Reichs Gottes ritualisiert darzustellen. Nichts anderes symbolisiert die Ritualisierung des Arbeitslebens der Unternehmen des Silicon Valley. Nichts ist an Ort und Zeit gebunden, jeder kann überall arbeiten, aber alle sind durch ein starkes gemeinschaftliches Netzwerk verbunden, so wie das Internet im Prinzip auch: Es ist immer verfügbar, ort- und zeitlos, ewig, aber doch verlässlich. Mark Zuckerberg nennt die eigene Unternehmenskultur dabei selbst den „Hacker Way“. In einem Brief an potentielle Investoren anlässlich des Börsengangs 2012 erklärte er, dass es dabei nicht um Hacken im negativen Sinne des Einbrechens in fremde Computersysteme gehe, sondern darum, die Kultur des schnellen Entwickelns von Lösungen und dem schnellen Testen dieser zu etablieren und in die Welt zu tragen, um einen positiven Impact auf diese zu bewirken. „Hacken“ steht dabei für eine Kultur, sich „ein System zu erschließen und es nach den eigenen Vorstellungen zu ändern“.


Das Schöne daran ist, dass natürlich diese neuen Organisationsprinzipien, diese Kulturprinzipien, in die Welt hinausgetragen werden sollen, damit andere Unternehmen diese als überlegene Form der Organisation und der Unternehmenskultur begreifen.


0 Ansichten

Über diesen Blog

Google, Apple, Facebook und Co. sind nicht nur Teil unseres Alltags, viel mehr noch: es sind die Kirchen der digitalen Neuzeit und wir ihre Gläubigen. Errichtet sind die virtuellen Gotteshäuser auf dem Glauben an eine digitale Welt, der unserer überforderten Informationsgesellschaft Sinn und Hoffnung verleiht. 

Die Unternehmensgründer aus dem Silicon Valley sind in der neuen Religion die Propheten, Marken die modernen religiösen Symbole, User von Instagram die heiligen Ikonen und die Garagen in Palo Alto sind mythische Orten an denen Wunder geschahen.  Technologiekritik ist daher fehl am Platze, denn die Kirchenmauern sind aus dem Glauben an eine berechenbare, vorhersagbare und so letzten Endes kontrollierbare Welt erbaut. Entfliehen kann man dieser Ideologie daher auch nicht durch Ausschalten des Handys oder durch digitale Fastenzeiten, sondern nur durch die Aufklärung darüber, dass sich das Leben und unsere Realität einer „Digitalisierung“ entziehen.


 

© DCI Institute GmbH                                Impressum                                            Datenschutzerklärung