Religion und Ökonomie - die fünf Faktoren

Durch religiöse Systeme kommt es zu einem paradoxen Effekt: Erst die Religion schafft die Voraussetzungen für die moderne Ökonomie.

Religion „rationalisiert“ das Leben der Gläubigen, indem sie die Handlungen des Menschen in ein indirektes „Ursache-Wirkungs-System“ überführt. Das Handeln der Gläubigen wird zwar auf das Jenseits ausgerichtet, aber gerade dadurch wird das Leben im Diesseits stark reguliert und berechenbaren und vorhersagbaren Abläufen unterzogen. In Religionen sind diese Ursache-Wirkungs-Systeme in Form von Geboten und Verboten beschrieben: „Wenn Du sündigst, kommst Du in die Hölle“, „Wenn Du Buße tust, dann wird Dir vergeben“.

Für die Gläubigen hat diese Strukturierung des Lebens den Vorteil, dass sie kognitiv entlastet werden, weil sie sich selbst keine Gedanken darüber machen müssen, wie sie sich in welchen Situationen zu verhalten haben. Der gläubige Mensch muss keine eigenen Verhaltensregeln aufstellen, sondern kann sich an die durch Gott vorgegebenen und durch die Gemeinschaft legitimierten Gebote halten. So erfährt das Leben der Gläubigen Sicherheit, Verlässlichkeit und Sinnhaftigkeit.



Das beste Geschäft aller Zeiten – Religion ist Tauschhandel, Wirtschaft auch


Papst Benedikt XVI. wies darauf hin, dass das Christentum ein Tausch zwischen Gott und den Menschen darstelle, bei dem beide – also Gott und Gläubiger – jeweils Gebende und Nehmende, Schenkende und Empfangende seien.

Religion ist also ein Tauschgeschäft – auf diese einfache Formel können alle großen Weltreligionen reduziert werden. Der Gläubige tauscht sein konformes Verhalten im Diesseits gegen die Erlösung durch Gott im Jenseits.

Religion hat damit eines der besten und stabilsten Tauschgeschäfte aller Zeiten etabliert, denn der religiöse Tausch bezieht sich stets auf eine jenseitige Sphäre. Da der Mensch selbst diese Sphäre in seiner menschlichen Hülle nicht betreten kann, muss er glauben, dass sein Verhalten im Diesseits im Jenseits belohnt oder bestraft werden wird. Erlösung ja, aber nicht jetzt, nicht hier, nicht heute.

Sofern der Mensch glaubt, dass sein Handeln zwar eine Konsequenz haben wird, er diese Konsequenz aber nicht direkt überprüfen kann, entsteht eine große Unsicherheit in Bezug auf sein eigenes Verhalten.

Religionsgemeinschaften geben dem Einzelnen daher zwar in Form von Geboten und Verboten Richtlinien an die Hand, die ihm helfen, sein Leben zu strukturieren – hält er sich an diese, bleibt er auf dem richtigen Pfad, und die Erlösung ist möglich –, aber am besten trägt dieses Konzept, wenn ein gewisses Maß an Unsicherheit bestehen bleibt und das eigene Streben nach Erlösung im Diesseits nie ganz befriedigt werden kann.

Anders war es bislang in der Wirtschaft: Sie beruht zwar ebenfalls auf Tauschgeschäften, bei denen aber bislang in der Regel überprüfbare Leistungen ausgetauscht wurden. Das Standardtauschgeschäft war „Ware gegen Erlös“, und Erlös war Geld.




Erlösung am Fließband – Religion und das Streben nach Effizienz


Religiöses Leben ist immer auch ein regelbasiertes Leben. Feste Abläufe werden mit Zielen verbunden, die durch die Regelbefolgung erreicht werden sollen. Dies führt schließlich dazu, dass Menschen zweckgerichtet denken und handeln, um Erlösung im Jenseits zu erreichen. Damit verhalten sich die Gläubigen rational.

Indem Religion die Rationalisierung der Menschen fördert, leistet sie dem modernen Wirtschaftssystem Vorschub. Anders ausgedrückt: ohne Religion keine moderne Wirtschaft mit dem Fokus auf stete Verbesserung und Effizienzsteigerung. Das Rationalisierungs- und Effizienzparadigma der modernen Wirtschaftssysteme ist religiös legitimiert, da es ein göttliches Gebot darstellt. Kontrolle und Effizienz sind gut, weil sie einen auf den rechten Weg führen – zur Erlösung im Glauben und zum Erlös in der Wirtschaft.

Innerhalb der Glaubenssysteme wurden zahlreiche Werkzeuge und Methoden erfunden, die es dem Gläubigen ermöglichen sollen, sich exakt und effizient zu verhalten. Die mechanische Uhr wurde während des Mittelalters in Klöstern entwickelt, damit die Mönche Gebetszeiten exakt und auch ohne Tageslicht einhalten konnten,was als gottgefällig galt. Rosenkranz und andere Gebetsketten und -schnüre sollen bei der Einhaltung der exakten Anzahl und Abfolge der Gebete helfen. Es gibt also zahlreiche Werkzeuge, die den Gläubigen dabei unterstützen, Exaktheit und Berechenbarkeit religiöser Praktiken herzustellen.

Ebenso wird Verschwendung in vielen Religionen als Gotteslästerung angesehen, weshalb in den Glaubensgemeinschaften Methoden eingeführt und entwickelt wurden, die eine Verschwendung verhindern sollen und eventuell auftretende Verschwendungen überprüfbar machen. Die doppelte Buchführung ist ein Ergebnis des Strebens nach wenig Verlust und einer effizienten Kontrolle zur Analyse und Minimierung der Verschwendung.

Die stark ausgeprägte Symbolik innerhalb einer Glaubensgemeinschaft bringt ebenfalls Effizienzvorteile. Durch das Vorhandensein von wechselseitigem Vertrauen, das auf der Nutzung und Anerkennung des gemeinsamen Symbolsystems beruht, werden Austauschbeziehungen schneller aufgenommen, und es müssen weniger Ressourcen darauf verwendet werden, sich vor Betrug oder Täuschung zu schützen. Die sogenannten Transaktionskosten werden gesenkt. Diese Kosten entstehen immer, wenn Austauschbeziehungen eingegangen werden sollen. Zu ihnen gehören vor allem Unsicherheitskosten und Kontrollkosten. Je größer die Befürchtung ist, dass einem Geschäftspartner nicht vertraut werden kann, desto höher ist der Aufwand, diese Unsicherheit zu reduzieren. Eine gemeinsame Religion reduziert von Anfang an solche Unsicherheiten.

Zudem erleichtert der gemeinsame Glaube die Zusammenarbeit deutlich, da der Mensch vor allem unter Aufsicht kooperativ wird. Diese Aufsicht übernimmt in Religionen Gott. Religion ist damit so etwas wie eine virtuelle soziale Plattform, die es Gruppen ermöglicht, über die eigenen familiären und örtlichen Grenzen hinauszuwachsen und erfolgreich zu werden.




Second Life – das Paradies als steter Antrieb


Religionen schaffen die Voraussetzung dafür, dass Menschen mit rationalem Handeln etwas Irrationales (im Sinne von Etwas-nicht-Begreifbarem) erreichen wollen, das mit der Physis des Menschen nicht greif- und erfassbar ist. So entsteht ein permanenter, aber für den Menschen in seiner materiellen irdischen Form nicht erfüllbarer Wunsch nach Erlösung. Erst nach dem Verlassen seiner irdischen Hülle und der realen Welt kann der Mensch ins Paradies gelangen.

Das christlich-jüdische Paradies stellt eine idealisierte Welt dar, in der Menschen ohne Leiden, ohne Hunger und ohne Angst leben werden. Das Nirwana im Buddhismus beschreibt den Austritt des Menschen aus dem Kreislauf des Leidens und der Wiedergeburten und verspricht einen Zustand der absoluten Ruhe und Ausgeglichenheit. Dem Menschen werden keine irdischen und menschlichen Lasten mehr aufgebürdet. Im Koran wird das Paradies, die Dschanna, unter anderem als Ort beschrieben, an dem Bäche mit unverderblichem Wasser fließen, mit Milch und Honig, und solche mit Wein. Dort tragen die Gläubigen goldene Armbänder, Kleider aus feiner grüner Seide und schwerem Brokat. Sie sind glücklich und zufrieden. Das Paradies ist der Ort eines materiell, seelisch und körperlich harmonischen und angenehmen Lebens.

Die in praktisch allen Religionen geforderte dauerhaft enthaltsame Lebensweise (auch „Askese“ genannt) im Diesseits lässt allerdings den Menschen in seinem Streben nach Erlösung in der realen Welt nie satt werden. Er wird stetig angetrieben, sein Handeln auf die jenseitige Welt auszurichten, in der er von den Lasten und Entbehrungen des Lebens befreit wird. Mit dem aktuell Erreichten kann der Gläubige nie zufrieden sein, der Glaube treibt ihn weiter an. Ein gottesfürchtiges und strebsames Leben ist die Pflicht religiöser Menschen, denn sonst droht die ewige Verdammnis.

Dass dieses Verhalten gut für die Ökonomie ist, konnten die Harvard-Ökonomen Robert Barro und Rachel McCleary belegen. Im Jahr 2003 werteten sie Umfragen aus, bei denen Menschen aus verschiedenen Ländern angeben mussten, ob sie an Himmel und Hölle glauben, und legten die Ergebnisse über das Wirtschaftswachstum der jeweiligen Länder. Sie erkannten eine deutliche Korrelation: Je mehr die Menschen sich vor der Hölle fürchteten und auf ein Leben nach dem Tod im Himmel hofften, desto größer war das Wirtschaftswachstum.

Das Paradies winkt, wird aber auf Erden nie erreicht, und zugleich ist die Erlösung immer in Gefahr. Bei seinem Streben nach immaterieller und virtueller Erlösung strebt der Mensch aber immer auch nach materiellen Dingen.

Auf die Genüsse des Lebens zu verzichten, sich über die Schmerzgrenzen hinaus zu quälen – das sind typisch religiöse Verhaltensweisen, die mit dem Begriff der Askese belegt sind. Askese fordert Enthaltsamkeit und Selbstdisziplinierung. So predigte vor allem die calvinistische Glaubenslehre, dass wenig zu schlafen, viel zu arbeiten und nicht träge und faul zu sein ein besonders gottgefälliges Leben sei. Wer effizient, arbeitsam und diszipliniert lebe, diene Gott. Eine kontrollierte Lebensführung führe zu einer höheren Chance auf Erlösung.

Eine gesteigerte Form dieser asketischen Lebensführung drückt sich durch freiwillige Qualen aus. In der Selbstkasteiung drückt sich die Demut gegenüber Gott aus; sie ist eine Buße im Tausch für eine Belohnung im Jenseits. Gleichzeitig ermöglicht sie, den Leidensweg der Heiligen nachzuempfinden, und zeigt die Bereitschaft, Leiden für den Glauben auf sich zu nehmen.

Im Christentum ist das freiwillige Erleiden von Unannehmlichkeiten und Schmerzen ein Weg, sich Christus und seinem Leiden anzuschließen. Dieser hatte Qualen und Schmerzen auf sich genommen, um die Menschen von den Sünden zu befreien. In anderen Glaubensrichtungen wie dem schiitischen Glauben im Islam ist die Selbstkasteiung eine rituelle Handlung, die der Verbindung mit dem Propheten dient, seiner Erinnerung und Huldigung. Schiiten verletzen sich am letzten Tag des zehntägigen Aschura-Festes mit Ketten, Peitschen und Säbeln selbst, um dadurch an die Ermordung ihres Imam Hussein, einem Enkel des Propheten Mohammed, und seiner Anhänger im Jahr 680 durch sunnitische Truppen zu erinnern.

Die Gläubigen, die sich selbst geißeln, extrem fasten oder unbequeme, sogar schmerzende Kleidung tragen, wurden und werden in vielen Glaubensgemeinschaften als Vorbilder verehrt und geehrt. Ausdrücke wie „Büßerhemd“, „in Sack und Asche gehen“ oder „den Gürtel enger schnallen“ beschreiben allesamt diese religiösen Verhaltensweisen und repräsentieren ein gottgefälliges Leben. Die Askese hat das Ziel, innerlich frei zu werden für eine höhere Bestimmung auf Erden und der Erlösung ein Stück näher zu kommen.


Das Kreuz mit dem Geld – materielle Güter für immateriellen Erlös

Das Verhältnis der meisten Religionen zu materiellen Gütern ist zwar zwiespältig, aber paradoxerweise wird durch Religionen bzw. deren Organisationen (wie Kirchen) ein starker Fokus auf materielle Güter gelegt. Es geht dabei aber nicht darum, Güter zu besitzen, um sich selbst darzustellen, sondern darum, Gott zu ehren, seinen religiösen Pflichten nachzukommen (Almosengeben) und seine Zugehörigkeit zu einer religiösen Gruppe darzulegen oder religiöse Praktiken durchzuführen.

So erfüllen die Kippa im Judentum oder der Gebetsteppich im Islam beide Funktionen. Sie werden benötigt, um eine religiöse Aufgabe zu erfüllen, und signalisieren zugleich die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft. Das Tragen von Kreuzen im Christentum oder der Tefillin (ein Gebetsriemen aus Leder) sowie Gebetskapseln, die in der Nähe des Herzens und auf der Stirn getragen werden und in denen sich Texte aus der Thora befinden, im Judentum sind materielle Güter, die aber vor allem einen ideellen und immateriellen Wert haben.

Der Wert dieser Gegenstände geht weit über den eigentlichen Herstellungswert hinaus. Die Objekte werden ideell aufgeladen und ihr Wert von dem der Materialien, die verwendet werden, um diesen Gegenstand zu produzieren, entkoppelt.

Religion lädt also bestimmte materielle Güter überhaupt erst mit einem Wert auf. Der subjektiv wahrgenommene Wert steigt um ein Vielfaches. Insofern leistet hier die Religion für die Ökonomie einen wichtigen Vorschub, denn es kommt dazu, dass Menschen ideelle und immaterielle Werte wesentlich höher bewerten als die reinen materiellen Objekte, oder sogar höher als Güter des täglichen Lebens.

Der wesentliche Unterschied zwischen den Systemen „Religion“ und „Wirtschaft“ besteht auf den ersten Blick darin, dass Preis und Leistung in letzterem in einem messbaren und überprüfbaren, zum Teil sogar deterministischen Zusammenhang stehen. Aber besonders amerikanische Unternehmen versuchen schon seit Ende des 21. Jahrhunderts, diese rationale Beziehungsstruktur aufzulösen. Es wird versucht, eigene Kultsysteme zu etablieren, die ein starkes diesseitiges Heilsversprechen propagieren und mit dem Kauf ihrer Produkte zugleich eine Zugehörigkeit zu einer speziellen Glaubensgemeinschaft versprechen. So sollen Konsumenten zu einem konformen Verhalten erzogen und stabile, lang anhaltende und vor allem rituelle Tauschgeschäfte etabliert werden.

Dass dieses Wirtschaftsverhalten in den letzten Jahren an Bedeutung zugenommen hat, liegt unter anderem darin begründet, dass sich die Märkte seit den 1990er-Jahren durch ein Überangebot an Produkten auszeichnen und zumindest in den westlichen Gesellschaften kein Mangel durch effizientere Produktion beseitigt werden muss. Zudem wuchs durch die Globalisierung der Wettbewerb zwischen Unternehmen. Die Produkte wurden einander zunehmend ähnlich und austauschbarer. Wettbewerbsvorteile wurden nicht mehr durch Produktüberlegenheit erzielt, sondern durch eine überlegene Marketingstrategie. Und dabei griffen gerade Unternehmen aus den USA auf Mechanismen zurück, die dem erfolgreichsten Kultsystem aller Zeiten, der Religion, entlehnt sind.

Die ideelle Aufladung von Produkten ist für Unternehmen ein echtes Erfolgskriterium: Der beste Kunde ist nämlich der, der sich hinsichtlich der angebotenen Warenund Leistungen irrational verhält, Leistungen also zu den Preisen in Anspruch nimmt, die das Unternehmen vorgibt. Der Kunde möchte den ideellen Wert haben, der reelle Wert, also zum Beispiel wie hoch die Produktionskosten für das Produkt sind, interessiert ihn nicht. Wenn er Ware kauft, dann erhält er sozusagen die Erlösung und opfert dafür seinen eigenen Erlös (Geld), den er über Arbeit erzielt hat, dem Unternehmen.

Wenn man sich die Produkte und die Markenkommunikation von Unternehmen wie Nike oder Apple ansieht, ist festzustellen, dass deren Angebote keine Produkte im eigentlichen Sinne darstellen, sondern symbolisch aufgeladene Fetische der Neuzeit sind.

1997 erklärte Steve Jobs diese Strategie während seiner Präsentation der Kampagne „Think different“ vor Medienvertretern. In seiner Präsentation erklärte er, dass Nike das beste Beispiel einer Marketingstrategie sei, die konsequent von der Bewerbung eines Produktes absieht und stattdessen dem Menschen Gefühle und Zugehörigkeit vermittelt und verkauft. Er verwies darauf, dass Nike eigentlich ganz normale Sportschuhe und nichts anderes vertreibe. „Aber“, so erklärte Jobs, „wenn Sie jetzt an Nike denken, denken Sie an etwas ganz anderes als an eine Schuhfirma. In ihrer Werbung sprechen sie nie über ihre Produkte oder dass diese besser sind als die von Reebok. […] In ihrer Werbung verehren sie die großen Athleten […], und das ist das, was Nike ausmacht, das ist das, was Nike in Wahrheit ist.“ Nike überhöhe seine Schuhe und seine Marke und mache sie zu einem Symbol für erfolgreiche Athleten und Sportler, mit denen sich die Käufer von Nike-Schuhen identifizieren wollen. Steve Jobs übernahm diese Idee in die Kampagne und verband die Marke Apple mit der Verehrung großer Genies wie Albert Einstein, Gandhi oder Picasso, die die Welt veränderten. „Und wenn diese einen Computer verwendet hätten“, so Steve Jobs zum Abschluss der Präsentation, „wäre es ein Mac gewesen!“ Jobs verband so ganz bewusst die Marke Apple mit Genialität, Innovation und Kreativität, und viele Menschen verbinden Apple bis heute damit.



Mehr ist besser – Reichtum als Versicherung der Gnade Gottes


Der heutige Kapitalismus zeichnet sich durch ein vollkommen irrationales Streben nach der Anhäufung von materiellem Vermögen und Besitz aus. Diese Vermögen sind so groß, dass sie eigentlich gar nicht mehr ausgegeben werden können.

Sieben der zehn reichsten Menschen der Welt stammen aus den USA und leben dort: Im Jahr 2016 gab es rund 1.800 Milliardäre weltweit, 540 davon waren Amerikaner. Jeff Bezos, 2018 mit einem Vermögen von 112 Milliarden Dollar der reichste Mensch der Welt, könnte, wenn er noch 50 Jahre leben und somit 104 Jahre alt werden würde, jeden Tag über sechs Millionen Dollar ausgeben. Dies entspricht 250.000 Dollar in der Stunde beziehungsweise 4.000 Dollar in der Sekunde.


Was hat das aber mit Religion zu tun? Max Weber, der Gründervater der modernen Soziologie, erklärte die Ursprünge dieser extremen Form des Kapitalismus und der irrationalen Anhäufung von Vermögen mit einer besonderen Auslegung des christlichen Glaubens: dem Protestantismus bzw. dem Calvinismus, der eine Form der protestantischen Glaubenslehre darstellt.

Diese religiöse Lehre definierte die Bestimmung des Menschen auf Erden neu. Im Protestantismus wurde die bisherige Trennung eines Lebens in vollkommener Ausrichtung nach Gott, die vor allem in Klöstern gelebt wurde, und ein außerhalb der Klöster und Kirchenmauern geführtes „normales“ Leben aufgehoben. Religiöse und weltliche Identität wurden immer mehr zu einer Einheit. Das Leben eines jeden sollte zu einem täglichen Dienst zu Gottes Ehren werden – der Besuch des Gottesdienstes und der Empfang der heiligen Sakramente einmal in der Woche reichten nicht länger aus. Zu einem gottgefälligen Leben gehörte fortan eine rationale, durchstrukturierte sowie enthaltsame Lebensführung. Arbeit war nicht länger Erwerb, um sein tägliches Leben zu sichern, sondern wurde zum Beruf im Sinne der Berufung durch Gott. Durch seine Ausübung konnte man sich der Gnade Gottes versichern.

In dieser Glaubensrichtung schied Gott die Menschen von Anfang an in zwei Gruppen: die Erwählten für das Paradies und die Verdammten, die nach dem Tod in die Hölle gelangen. Besonders ausgeprägt war diese Vorstellung in den calvinistischen Ausprägungen der Reformation, die sich vor allem in der heutigen USA verbreiteten, wohin Gläubige, die in Europa wegen ihres Glaubens verfolgt wurden, auswanderten.

Von Gott auserwählte Menschen erkenne man an ihrem wirtschaftlichen Erfolg, so die Vorstellung. Im dauerhaften Erfolg eines Unternehmers wird die segnende Hand Gottes gesehen.


Reichtum zu besitzen, galt in dieser Richtung des Christentums nicht als sündhaft, solange er nicht dem eigenen Konsum und dem eigenen Genuss diente, sondern investiert wurde. Wer seine Arbeit gut und effizient erledigte, diente Gott. Aus dieser kontrollierten Lebensführung entwickelte sich eine religiös fundierte Leistungsethik, die Arbeiter wie Unternehmer prägte. Strebt der „durchschnittliche“ Mensch nach einem frühen Ruhestand, strebt der wirklich gläubige und religiöse Mensch nach der Versicherung der Gnade Gottes durch stetes Arbeiten und die Anhäufung von materiellem Reichtum.

Auch wenn heute eine direkte Beziehung zu einer religiösen Fundierung dieses Lebensstils nicht sofort erkennbar ist, ist die psychologische Motivation in unserer modernen Welt erhalten geblieben. Arbeit ist Beruf, und Erfolg ist ein sichtbares Zeichen der Gnade Gottes.



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Google, Apple, Facebook und Co. sind nicht nur Teil unseres Alltags, viel mehr noch: es sind die Kirchen der digitalen Neuzeit und wir ihre Gläubigen. Errichtet sind die virtuellen Gotteshäuser auf dem Glauben an eine digitale Welt, der unserer überforderten Informationsgesellschaft Sinn und Hoffnung verleiht. 

Die Unternehmensgründer aus dem Silicon Valley sind in der neuen Religion die Propheten, Marken die modernen religiösen Symbole, User von Instagram die heiligen Ikonen und die Garagen in Palo Alto sind mythische Orten an denen Wunder geschahen.  Technologiekritik ist daher fehl am Platze, denn die Kirchenmauern sind aus dem Glauben an eine berechenbare, vorhersagbare und so letzten Endes kontrollierbare Welt erbaut. Entfliehen kann man dieser Ideologie daher auch nicht durch Ausschalten des Handys oder durch digitale Fastenzeiten, sondern nur durch die Aufklärung darüber, dass sich das Leben und unsere Realität einer „Digitalisierung“ entziehen.


 

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