Und Steve Jobs sah, dass es gut war – Die Mythen um die Gründer aus dem heiligen Tal

Aktualisiert: 15. Jan 2019

Wem gehört eigentlich der Suchalgorithmus von Google? Der Universität Stanford oder Google? Die richtige Antwort lautet: „Stanford“, denn das Unternehmen Google hat nur eine Lizenz von Stanford erhalten.

Und was passierte eigentlich wirklich in der Garage, in der Apple angeblich gegründet wurde? Nichts Wesentliches, laut den Aussagen von Steve Wozniak, dem Mitgründer von Apple, der den ersten Mac bei seinem Arbeitgeber Hewlett-Packard entwickelte, also nicht in einer Garage in Cupertino.


Wussten Sie, dass iTunes, die Grundlage des Erfolgs des iPods, gekauft wurde, und dass Apple 2004 in Kooperation mit Motorola ein Smartphone auf den Markt gebracht hat, das sich als Flop erwies? Wussten Sie, dass Steve Jobs die Idee zur Entwicklung einer grafischen Benutzeroberfläche weder geklaut noch als Einziger den Wert der Idee erkannt hat, sondern, dass er sich den Zugang zu dem Forschungslabor XEROXParc mit viel Geld erkauft hat?


Wenn Sie all das nicht wussten, dann funktionieren zwei wesentliche Bausteine zur Etablierung der digitalen Ökonomie: die Verbreitung und die Akzeptanz von Mythen.

Über mythische Erzählungen bringen Religionen und Kulturen ihr Welt- und Selbstverständnis zum Ausdruck. So ist der Mythos des Sieges von David über Goliath die wichtigste Erzählung der israelitischen Geschichte. Ein Hirtenjunge besiegt einen übermächtigen Gegner und wird schließlich zum König von Juda. Auch die Jesusgeschichte ist eine mythologische Erzählung, von einem Underdog in einem Stall geboren, der schließlich als Sohn Gottes erkannt wird, der von ihm zur Erlösung aller Menschen auf die Erde gesandt wurde.




Diese Erzählungen sind recht nahe an den Erzählungen über Steve Jobs und Co. Aber auch andere Mythen lassen sich in der digitalen Religion finden, die die Entstehung und den Weg zum Erfolg der erfolgreichen Unternehmen wie Apple und Google verklären, statt zu erklären. Zwei der stärksten Mythen der digitalen Religion sind der „Garagenmythos“ und der „Genialitätsmythos“.

Folgt man den Erzählungen über Steve Jobs oder über die Gründer von Google, Larry Page und Sergey Brin, dann waren sie unbedeutende Studenten oder Bastler, die in bescheidenen kleinen Garagen mit genialen Ideen und dem Wunsch, die Welt zu verbessern, gegen übermächtige Gegner antraten und diese schließlich zu Fall brachten. Dabei wurden sie zu Beginn von den „Goliaths“ unterschätzt und von der Welt belächelt, bis sie schließlich durch den Sieg über ihre Gegner die Anerkennung der Welt erhielten, die sie von Beginn an verdient hatten. Endlich konnten sie ihre Botschaft in die Welt hinaustragen und so die Welt zu einem besseren Ort machen.

Dabei dient die Garage als die bildhafte Darstellung der Einfachheit und Bescheidenheit, aus der heraus überhebliche und uninspirierte Weltfirmen überwunden wurden. Bei Apple waren es die Gegner IBM und Hewlett Packard, die durch drei Garagenbastler herausgefordert wurden. Bei Google treten zwei Studenten gegen die überlegenen Suchmaschinen von Altavista, Fireball und Lycos an, um diese durch ihre bessere Technologie schließlich abzulösen und endlich alle Informationen der Menschheit zugänglich zu machen.


Diese Gründer und ihr Umfeld kommunizieren Mythen, um sich selbst zu erhöhen, um als Auserwählte zu erscheinen. Und die Auserwähltheit wird wiederum durch Erfolg belegt. Wer Erfolg hat, ist von Gott berufen. Damit gewinnen dann auch die Worte und die Taten der Auserwählten besondere Bedeutung.

Steve Jobs bestärkte seine eigenen Mythen dadurch, dass er in Interviews immer betonte, dass er und Steve Wozniak innerhalb von nur zehn Jahren Apple von einer Garagenfirma zu einem Milliarden-Dollar-Unternehmen entwickelt hätten. Den Genialitätsmythos etablierte Steve Jobs unter anderem dadurch, dass er behauptete, innerhalb weniger Augenblicke die Bedeutung der PC-Mouse und der grafischen Benutzeroberfläche erkannt zu haben – im Gegensatz zu den Entwicklern und Forschern von XeroxPARC.


Auf diesen beiden Erzählungen baut sich mehr oder weniger die gesamte Mythologie um Steve Jobs auf, die bis heute so stark wirkt, dass fallende Gewinne auf die fehlende Genialität von Steve Jobs zurückgeführt werden, obwohl sich seit seinem Tod der Umsatz und der Gewinn fast verdoppelt haben. Und trotzdem wird immer wieder darüber geschrieben, dass Apple seit Jobs` Tod die Genialität, die Veränderungskraft fehle. So schrieb der Wirtschaftsredakteur Hammann der „ZEIT“ im November 2012: „Apple ist nicht mehr innovativ. Und vergrätzt einen Fan.“ Und die „Süddeutsche Zeitung“ titelte am 12.11.2015: „Apple fehlen die Innovationen.“ Um Tim Cook gibt es eben keine Mythologie, und da helfen auch alle Fakten, die das Gegenteil belegen könnten, wenig, denn auch 2019 erreichte Apple ein Umsatz- und Gewinnrekordniveau. Dabei halten die Mythen um Gründer wie Steve Jobs einer genaueren Analyse nicht stand.


So entpuppt sich die Geschichte, dass Steve Jobs bei der Besichtigung von XeroxPARC etwas erkannt hätte, was deren eigene Forscher nicht gesehen hätten, bei einer näheren Betrachtung als nicht haltbar. Vielmehr haben zahlreiche Hersteller an der Umsetzung der grafischen Benutzeroberfläche gearbeitet, nur hat Apple dies am Ende am besten kommerzialisiert. Und anders als immer wieder erzählt wird, haben die Entwickler innerhalb des Forschungslabors XeroxPARC Steve Jobs nicht freiwillig die Konzepte gezeigt, weil sie selbst den Wert der Idee nicht verstanden hatten, sondern Steve Jobs zahlte viel Geld für den Zugang zu XEROXParc. Apple hatte Mitte der 70er Jahre bereits mit eigenen Computern ein gehyptes Technologie-Start-up etabliert. Mit dem Apple II gelang es, einen ersten Massenmarkt für PC zu erschließen. Der Erfolg veranlasste immer mehr Wettbewerber, ebenfalls in den Markt einzutreten, und Apple brauchte neue Ideen, um sich weiterhin als Innovationsführer im Segment der Personal Computer zu positionieren. Direkt um die Ecke von Apple in Palo Alto war auch das XeroxPARC-Labor ansässig, welches durch bahnbrechende Entwicklungen im Bereich der Computertechnologie die Aufmerksamkeit in der Branche geweckt hatte. Auf der Suche nach neuen Ideen wollte Steve Jobs unbedingt Einlass in das Labor erhalten, was ihm aber vor Ort verwehrt wurde. Die Experten von Xerox PARC waren sich der Bedeutung ihrer Entwicklung bewusst und wollten verhindern, dass Steve Jobs diese Innovationen zu Gesicht bekommt. Steve Jobs wandte sich daher an das Management in Connecticut, das im Osten der USA lag und damit weit weg von dem eigenen Innovationslabor. Bei dem Management vorstellig geworden, erkaufte sich Steve Jobs den Zugang zu PARC. Er bot dem Topmanagement an, dass Xerox noch vor dem mit Spannung erwarteten Börsengang von Apple 100.000 Aktien für 1 Million US-Dollar kaufen könne, also 10 Dollar pro Aktie. Das Management von Xerox sah darin eine gute Chance, die eigenen Technologien und Ideen, die aus Sicht der Manager (nicht der Entwickler) keinen Wert für das Kerngeschäft der Kopierer von Xerox hatten, zu Geld zu machen. Zu dem Zeitpunkt des Angebotes von Jobs war die Aktie schon mit 22 Dollar gezeichnet, daher akzeptierte das Management auch den Deal mit Jobs. Steve Jobs und den Mitarbeitern von Apple wurde daraufhin ausführlich das Konzept der grafischen Benutzeroberfläche präsentiert.



Der Aktienwert des Paketes, den Xerox erwarb, betrug nach dem Börsengang tatsächlich über 17 Mio. Dollar. Ein Wertzuwachs von 16 Mio. Dollar für einen Besuch von nur wenigen Stunden, und das im Jahr 1979.

Steve Jobs übernahm viele Ideen von XeroxPARC und stellte vor allem einige der Entwickler aus dem XeroxPARC Team bei Apple ein, um diese neue Oberfläche entwickeln zu lassen. Insgesamt kostete Apple neben dem Verkauf der 1 Million Aktien zu einem Bruchteil des späteren Börsenwertes an Xerox die Entwicklung der grafischen Benutzeroberfläche für den Mac noch einmal knapp 50 Mio. Dollar. Und die Entwicklung dauerte insgesamt fast vier Jahre. Verkürzt wird aber daraus die Geschichte, dass Steve Jobs etwas innerhalb von Sekunden erkannte, was alle anderen nicht gesehen hätten und er als Einziger begriff, dass man daraus einen Computer bauen kann, der die Welt revolutionieren wird. In einem TV-Interview stellte Steve Jobs dies selbst so dar:

„Als ich 1979 ins XeroxPARC ging, sah ich eine sehr rudimentäre grafische Benutzeroberfläche. Sie war weder vollständig noch fehlerfrei. Aber innerhalb von zehn Minuten wurde mir klar, dass eines Tages jeder Computer auf der ganzen Welt auf diese Art und Weise funktionieren würde.”

Aber schon 1973 hatte Xerox selbst einen Computer (den Xerox Alto) mit grafischer Benutzeroberfläche auf den Markt gebracht, der nur wirtschaftlich nicht besonders erfolgreich war. Dennoch basiert auf dieser Legende der Genialitätsmythos von Steve Jobs, dem später auch die „Neuerfindung“ des mp3-Players mit iPod und die Neuerfindung des Smartphones mit dem iPhone zugeschrieben wurde.


Auch um die Gründung von Google wurde ein Garagenmythos aufgebaut, der immer wieder gern von den etablierten Medien aufgegriffen wird.

So titelte „Spiegel Online“: „Es begann in einer Garage – und wurde zur Weltmacht: Vor 18 Jahren wurde Google Inc. gegründet.“ Allerdings ist auch dies eine recht starke Verkürzung und Vereinfachung der Geschichte, die so auch nicht wirklich stimmt, denn tatsächlich basiert Google auf einem Teilprojekt innerhalb des Stanford Digital Library Projects, welches das Ziel hatte, Software-Algorithmen zu entwickeln, mit denen eine universelle digitale Bibliothek im Internet geschaffen werden kann. Larry Page entwickelte im Rahmen seiner Doktorarbeit einen Algorithmus, den sogenannten Page Rank, der dann von der Universität Stanford zum Patent angemeldet wurde. An der Entwicklung der ersten Version der Suchmaschine mit dem Namen „Backrub“ waren weitere Studenten und Doktoranden von Stanford beteiligt, u.a. Scott Hassan und Alan Steremberg.

Liest man aber die offizielle Geschichte auf der Website von Google, sieht man, wie sehr diese mythisch verkürzt wird. Auf der Website ist ein Bild zu sehen, das Larry Page und Sergey Brin in einer mit Computerbauteilen und PCs vollgestellten Garage zeigt. Darunter steht die Überschrift: „Unsere Unternehmensgeschichte: Von der Garage zum Googleplex“. Auf den Unternehmensseiten wird aus einem komplexen und großen Universitätsprojekt mit vielen Beteiligten ein Zwei-Mann-Studentenprojekt, bei dem Larry Page und Sergy Brin in einer Garage und in ihren kleinen Zimmern auf dem Campus eine neuartige und überlegene Suchmaschine entwickelten, die schließlich zu der weltweit meistgenutzten Suchmaschine wurde. Das Bild und der kurze Text lassen den Leser glauben, dass alles in dieser Garage passiert sei und nur die beiden die geniale Idee entwickelt und umgesetzt hätten. Allerdings fand der Umzug in die Garage schon vor der Gründung von Google während des studentischen Projektes statt, nämlich 1997, da für das Suchmaschinenprojekt größere Serverkapazitäten benötigt wurden. Eine nicht genutzte Garage einer Kommilitonin wurde daher für das Projekt, nicht aber für das Unternehmen Google, genutzt.

Und auch beim Startkapital wird auf der Seite von Google die Investitionssumme reduziert: Statt der 1,1 Mio. Dollar starken Finanzierung, mit der Google gestartet war, wird auf den Google-Seiten nur eine Finanzierung von 100.00 Dollar genannt.

Der Garagen- und Genialitätsmythos schafft eine starke Identifikation der Menschen mit den Gründern und damit mit den Unternehmen. Denn dieser Mythos gibt den Menschen Hoffnung. Hoffnung, dass es möglich sei, ohne Kapital selbst etwas Großes zu schaffen, nur mit guten Ideen und Fleiß. Zugleich erzählen diese Mythen auch etwas über Gerechtigkeit in einer ungleich verteilten Wirtschaftswelt: Nicht die Herkunft und nicht die finanziellen Mittel entscheiden, sondern allein die Kreativität, die harte Arbeit und der Wille, etwas Großes zu leisten. Jeder kann Erfolg haben. Und diese Mythen sollen auch lehren, dass Hochmut und Eitelkeit am Ende die großen Unternehmen, die Goliaths der Wirtschaftswelt, zu Fall bringen. In diesem Sinne schließt sich der Mythos wiederum an die Vision und die Berufung der Gründer und Entrepreneure an und schafft ein starkes narratives Gerüst, das viele Menschen implizit verstehen, emotional nachvollziehen und an das sie somit glauben können. Kein Wunder, dass sich inzwischen auch Hollywood gern dieser Mythen bedient, denn die Story ist ja schon von den Unternehmern selbst bewusst geschrieben worden. So gibt es einen Film über die Entstehung von Facebook, „The Social Network“, ebenso wie es zahlreiche Filme über Steve Jobs gibt, wie „Jobs“ oder „iSteve“.


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Über diesen Blog

Google, Apple, Facebook und Co. sind nicht nur Teil unseres Alltags, viel mehr noch: es sind die Kirchen der digitalen Neuzeit und wir ihre Gläubigen. Errichtet sind die virtuellen Gotteshäuser auf dem Glauben an eine digitale Welt, der unserer überforderten Informationsgesellschaft Sinn und Hoffnung verleiht. 

Die Unternehmensgründer aus dem Silicon Valley sind in der neuen Religion die Propheten, Marken die modernen religiösen Symbole, User von Instagram die heiligen Ikonen und die Garagen in Palo Alto sind mythische Orten an denen Wunder geschahen.  Technologiekritik ist daher fehl am Platze, denn die Kirchenmauern sind aus dem Glauben an eine berechenbare, vorhersagbare und so letzten Endes kontrollierbare Welt erbaut. Entfliehen kann man dieser Ideologie daher auch nicht durch Ausschalten des Handys oder durch digitale Fastenzeiten, sondern nur durch die Aufklärung darüber, dass sich das Leben und unsere Realität einer „Digitalisierung“ entziehen.


 

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