Wahrlich, ich sage euch – Die neuen spirituellen Führer der digitalen Religion

Keine Glaubensgemeinschaft kann ohne charismatische spirituelle Führer funktionieren. Und die Gründer von Facebook, Google, Tesla, Apple und Co. sind diese neuen Propheten des virtuellen Gottes „Internet“, der in der digitalen Technologie innewohnt.

Jesus im Christentum, Siddhartha und der Dalai Lama im Buddhismus oder Krishna im Hinduismus waren die Auserwählten in den traditionellen Religionen, nun heißen sie Larry, Mark, Steve oder Elan. Sie profilieren und positionieren sich, als Verkörperungen relevanter heiliger und gesegneter Tugenden, und sie sehen sich als Vermittler zwischen den Menschen und dem neuen Gott, da sie Zugang zu einem Wissen und zu Informationen haben, zu denen normale Menschen keinen Zugang erhalten. Sie sind die digitalen Medien, die zwischen der digitalen Jenseitigkeit und der schnöden Diesseitigkeit vermitteln, indem sie Wissen und Informationen von dort zu den Menschen transportieren.

Analysiert man die Aussagen und viele der Handlungen der Gründer und Unternehmenslenker von Apple, Facebook oder Google, so stellen sie sich nicht als Unternehmer in einem engeren wirtschaftlichen Sinne dar, also als Menschen, die Geld und Rendite mit einem Unternehmen erwirtschaften wollen; vielmehr geht es den Gründern der Firmen des Silicon Valley anscheinend darum, einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft und die Welt als Ganzes leisten zu können. Sie sehen sich eher als Berufene, als Auserwählte, die eine Mission erfüllen sollen und wesentlich wichtigere Ziele mit ihren Schaffen erreichen wollen, als wirtschaftlichen Erfolg. Der Kampf gegen Krankheiten, die Möglichkeit, Menschen wieder sehend zu machen und Frieden auf Erden zu bringen – all dies sind die Aufgaben der von Gott gesandten oder auserwählten Menschen. Und die Gründer von Google und Co. scheinen die Fähigkeiten und das Wissen zu haben, diese Aufgabe erfüllen zu können. Dies kommunizieren sie immer und gern. Bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts verkündete Steve Jobs, dass es bei Apple darum gehe, einen Beitrag für die Welt zu leisten, indem Apple Tools für das Denken kreiere, durch die sich die Menschheit zu einer besseren Gesellschaft hin entwickeln würden. Später verkündete Jobs, dass es nicht darum gehe, Computer zu bauen und zu verkaufen, sondern darum, eine Delle im Universum zu hinterlassen. „To make a contribution to the world by making tools for the mind that advance humankind”, verkündete Jobs als Mission von Apple und zeigte, dass es ihm um viel mehr ging als nur um Computer. Die Lebenssituation der Menschheit sollte durch seine Technologie verbessert werden. Steve Jobs verband dabei tatsächlich spirituelle Ziele mit den Errungenschaften der modernen Technologie und der Wissenschaft. In seiner Sichtweise geht es bei Religionen und beim Glauben darum, die Welt zu verändern und sie für die Menschen zu einem besseren und sinnvolleren Ort zu transformieren. Sein Nachfolger als CEO von Apple, Tim Cook, erzählte vor Harvard-Absolventen, dass er bei Apple den Sinn des Lebens gefunden habe. Man müsse der Menschheit dienen, betonte er. Dieses Credo habe ihm Apple-Gründer Steve Jobs nahegelegt. Er selbst habe nie einen Führer mit einer solchen Leidenschaft getroffen oder eine Firma mit einer derart klaren und überzeugenden Aufgabe, nämlich der, der Menschheit zu dienen.


Auch die Gründer von Google, Larry Page und Sergey Brin, begnügen sich nicht damit, eine Suchmaschine entwickelt zu haben, sondern haben als ihre Mission ausgegeben, dass sie alle Informationen der Welt organisieren und diese universell zugänglich und für jeden nützlich gestalten wollen. Aber auch über diese Phase sind sie längst hinausgetreten. Es geht den Gründern heute darum, die Welt besser zu machen und die Lebensqualität der Menschen zu steigern. Für dieses Ziel gründen und kaufen sie immer wieder neue Unternehmen, so wie 2016 das Unternehmen „Calico“ (steht für „California Life Company“), das zum Ziel hat, das menschliche Altern zu verlangsamen. Dazu sagte Page: „Wir greifen das Altern an, eines der größten Geheimnisse des Lebens.“ Dies ist heute möglich, weil Google immer mehr von dem besitzt, das alles formt und aus dem sich heraus alles entwickelt: Informationen. Calico verfügt inzwischen über die DNA-Informationen von mehr als einer Million Menschen, die diese freiwillig abgegeben haben. So greift die Idee des Teilens zum Wohl aller wunderbar zusammen mit der Vision, die Welt zu einem besseren Ort für alle zu machen.


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Über diesen Blog

Google, Apple, Facebook und Co. sind nicht nur Teil unseres Alltags, viel mehr noch: es sind die Kirchen der digitalen Neuzeit und wir ihre Gläubigen. Errichtet sind die virtuellen Gotteshäuser auf dem Glauben an eine digitale Welt, der unserer überforderten Informationsgesellschaft Sinn und Hoffnung verleiht. 

Die Unternehmensgründer aus dem Silicon Valley sind in der neuen Religion die Propheten, Marken die modernen religiösen Symbole, User von Instagram die heiligen Ikonen und die Garagen in Palo Alto sind mythische Orten an denen Wunder geschahen.  Technologiekritik ist daher fehl am Platze, denn die Kirchenmauern sind aus dem Glauben an eine berechenbare, vorhersagbare und so letzten Endes kontrollierbare Welt erbaut. Entfliehen kann man dieser Ideologie daher auch nicht durch Ausschalten des Handys oder durch digitale Fastenzeiten, sondern nur durch die Aufklärung darüber, dass sich das Leben und unsere Realität einer „Digitalisierung“ entziehen.


 

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